Tracker, Apps und Analyse-Tools â wieviel Technik braucht das Training?
Dr. Sabine Nunius
Sinnvolle TrainingsunterstĂŒtzung oder Modeerscheinung mit Potenzial zur TotalĂŒberwachung? Was technische Hilfsmittel leisten können und warum wir sie mit Bedacht einsetzen sollten
âGibtâs dafĂŒr nicht auch eine App?â, âDas habe ich alles schon mit meiner Smartwatch getracktâ oder âIch mache das jetzt komplett digital, ohne Coachâ sind Aussagen, die man noch vor 10 Jahren so gut wie nie gehört hat. Spricht man jetzt im Coaching mit neuen Klienten, ist es dagegen fast schon Standard, dass die zu betreuenden Athleten ĂŒber (mindestens) ein Gadget verfĂŒgen. Manche Sportlerinnen und Sportler besitzen sogar ein wahrhaftes Arsenal an Fitnesstrackern und anderem Equipment, mit denen sie tĂ€glich eine schier ĂŒberwĂ€ltigende Menge an Daten aufzeichnen, analysieren und fĂŒr die Zukunft abspeichern. Wie weit ist dieser Trend bereits verbreitet? Und wie sinnvoll ist diese Tendenz zu immer mehr Technik, immer weiterfĂŒhrender Auswertung und immer gröĂeren Datensammlungen?
Betrachtet man die aktuellen Zahlen, wird schnell deutlich, dass die Nutzung von Apps und Co. inzwischen alles andere als ein AusnahmephÀnomen ist. Besonders sticht in diesem Zusammenhang der Bereich der Fitness-Apps heraus. Diese erleben gerade einen veritablen Boom. Statista prognostiziert in diesem Segment sogar noch weiteres Wachstum und geht von folgenden Zahlen aus:
- Umsatz 2025: ca. 7,56 Mrd. Euro
- Marktvolumen 2029: 9,16 Mrd. Euro (= jÀhrliches erwartetes Umsatzwachstum von 4,92 % (CAGR 2025-2029))
- Penetrationsrate 2025: 12,21 % Anstieg auf 13,21 % bis 2029
- Durchschnittlicher Erlös pro Nutzer (ARPU, engl. Average Revenue Per User): 18,94 Euro[1]
Diese SchĂ€tzungen sprechen eine deutliche Sprache. Der Trend geht ganz klar zu mehr Digitalisierung und technikgestĂŒtztem Training. Doch was genau leisten die Apps eigentlich? Und wofĂŒr werden sie eingesetzt? Betrachtet man die Inhalte genauer, liegen aktuell Sport-Apps an der Spitze, die AktivitĂ€ten wie Laufen, Radfahren oder Schwimmen aufzeichnen, gefolgt von Apps mit Fitness-Ăbungen fĂŒr zuhause sowie Apps zum Thema Gewicht und ErnĂ€hrung. Auf Platz 4 liegen Apps, die ausschlieĂlich Körperdaten messen, zum Beispiel die SchlafqualitĂ€t, die Herz- oder Atemfrequenz.[2] Diese Anwendungen erfreuen sich offensichtlich groĂer Beliebtheit und werden mit Abstand am hĂ€ufigsten genutzt, um die entsprechenden Daten zu sammeln. Laut Statista standen im Jahr 2024 den rd. 18,31 Millionen App-Nutzern lediglich 6,66 Millionen Nutzern von sogenannten âWearablesâ gegenĂŒber.[3]
Aber was bringt diese Vielzahl an Apps, Anwendungen und GerĂ€ten? Der momentane Hype dĂŒrfte zunĂ€chst vor allem die Industrie freuen. Denn in der umkĂ€mpften Fitnessbranche bieten allen voran die Apps einen Bereich mit enormem Wachstumspotenzial, was in wirtschaftlich schwierigen Zeiten besonders attraktiv ist. Dieses Potenzial erwĂ€chst nicht zuletzt daraus, dass es sich bei den Apps nicht nur um ein B2C (Business-to-Customer) GeschĂ€ftsmodell handelt. Vielmehr wird beispielsweise auch prognostiziert, dass sich die Konzepte von Fitnessstudios grundlegend verĂ€ndern könnten, um auf die neuen Rahmenbedingungen zu reagieren â eine Entwicklung, die die Hersteller der entsprechenden Produkte tatkrĂ€ftig unterstĂŒtzen. Beworben wird die Ausrichtung hin zu mehr Digitalisierung mit dem Versprechen, dass Apps es kĂŒnftig ermöglichen sollen, individuellere PlĂ€ne und Angebote zu kreieren. Auf diese Weise wird, so das Werbeversprechen, neben einer verbesserten Betreuung auch die Kundenbindung verstĂ€rkt.
Eine individuellere und optimierte Betreuung ist fĂŒr den Einzelnen sicherlich von Vorteil. Ebenso ist eine stĂ€rkere Kundenbindung grundsĂ€tzlich nicht schlecht oder zumindest unproblematisch. Deutlich nachdenklicher stimmt dagegen eine âBegleiterscheinungâ dieser Entwicklung, die aus gutem Grund deutlich zurĂŒckhaltender kommuniziert wird. Dabei handelt es sich um die Tatsache, dass mit Hilfe der Apps Datenmengen in bislang kaum vorstellbarem Umfang erzeugt und fĂŒr diverse Zwecke genutzt werden können. HĂ€ufig werden diese Daten von den Nutzern der Apps sogar bereitwillig zur VerfĂŒgung gestellt: Kaum jemand setzt sich gerne mit dem Kleingedruckten auseinander. Gerade dann, wenn es schnell gehen soll, weil man ein Programm nutzen möchte, sind rasch ein paar HĂ€kchen gesetzt oder Klicks gemacht, bei denen man im Nachhinein vielleicht gar nicht einmal mehr so genau weiĂ, was oder wem man gerade zugestimmt hat und welche Konsequenzen dies haben könnte. Die allgegenwĂ€rtigen Cookie Banner haben sicherlich zu einer gewissen Desensibilisierung beitragen. In der Regel ist es unmöglich, eine Website zu nutzen, ohne zumindest den ânotwendigenâ Cookies zugestimmt zu haben. Die Schwelle, an anderer Stelle ebenso irgendeiner Datennutzung zuzustimmen, sinkt daher, selbst wenn es sich um sensible Daten wie Gesundheitswerte, Bewegungsprofile und persönliche Angaben zu den eigenen Lebensgewohnheiten handelt.
Die Website âExterner Datenschutzbeauftragter DSB-TĂVâ beschreibt die Konsequenzen am Beispiel der vielgenutzten Apple Watch wie folgt: âAPPLE WATCH verfĂŒgt ĂŒber diverse Sensoren bzw. bedient sich der des iPhones, wertet aus, zeichnet auf und stellt diese Daten optional anderen APPs auf dem iPhone zur VerfĂŒgung. In der Produktbeschreibung der APPLE WATCH heiĂt es wie folgt – â…können Gesundheits- und Fitnessapps anderer Anbieter darauf zugreifen â wenn du das willst…â. Auf den Punkt gebracht, die Kommunikation der APPLE WATCH findet zwar nur mit dem iPhone des Nutzers â dem TrĂ€ger der Apple Uhr â statt und sollte somit sicher sein. Was passiert jedoch in der APP des Drittanbieters, wo speichert diese APP dann Ihre sensiblen Gesundheitsdaten â und was wertet diese APP aus, stellt sie daraus RĂŒckschlĂŒsse her und nutzt diese Ergebnisse in welcher Form â Fragen ĂŒber Fragen…â[4] Ebenso wird darauf hingewiesen, dass bei Aktivierung der entsprechenden Funktionen eine DauerĂŒberwachung inkl. Bewegungsprotokoll möglich ist: âOb auf dem Gang zur Toilette, beim Spaziergang mit dem Hund, auf dem Weg zur Arbeit die körperlichen Belastungen werden zeitlich und in Verbindung mit dem iPhone bis auf den Meter genau aufgezeichnet. Nicht nur wĂ€hrend der sportlichen AktivitĂ€ten, beim Tischtennis, Joggen oder Fahrradfahren ist die Datenerfassung aktiv â nein auch in fĂŒr die Bewertung der Fitness unzutrĂ€glichen Situationen.â[5] Dieser Tatsache sollte man sich zumindest bewusst sein, wenn man sich dafĂŒr entscheidet, einen Fitnesstracker zu nutzen und diesen mit diversen Apps auszustatten oder eine Kopplung zuzulassen.
Spielzeug fĂŒr die Hippen, Coolen, Stylishen? Nutzergruppen genauer betrachtet
Doch wer nutzt eigentlich die Apps? AufschlĂŒsse darĂŒber gibt die Studie âGermany in Motionâ der GIM Gesellschaft fĂŒr Innovative Marktforschung. Sie untersuchte die unterschiedlichen Zielsetzungen und MotivationsgrĂŒnde, Sport zu treiben und erstellte auf dieser Basis eine Typologie verschiedener Nutzerkreise. Hinsichtlich der Nutzer von digitalen Hilfsmitteln dĂŒrfte vor allem der âFit2Shareâ Typus relevant sein, der wie folgt beschrieben wird: âDie Digital-Junkies treiben zwei bis drei Mal in der Woche Sport und geben viel fĂŒr Equipment und speziell ErnĂ€hrung aus [âŠ]. Die Social-Media affinen Sportler sind auf Instagram oder Youtube zu Hause und nutzen Fitness-Apps als Informationsquelle oder auch als virtuellen Ersatz fĂŒr einen Trainer im Fitness-Studio. Und die sportlichen Erfolge werden natĂŒrlich mit der Community geteilt. Die Fit2Share-Gruppe unterscheidet sich stark von den anderen Freizeitsportlern. Bei ihr stehen klassische Sportmotive nicht im Vordergrund, nur 45 Prozent dieses Segments gaben an, SpaĂ am Sport zu habenâ.[6] Das Potenzial, das diese Nutzergruppe bietet, haben in der Branche einschlĂ€gige Unternehmen ganz klar erkannt. So gibt etwa Les Mills an â80 % der Fitnessstudiobesucher sind Millennials oder gehören der Gen-Z an â der so genannten âGeneration Active. 89 % der Nutzer von Online- bzw. App-Workouts gehören der âGeneration Activeâ an.[7]
Geködert werden diese Nutzer mit immer neuen Funktionen, oft auch in Verbindung mit Elementen, die auf âGamificationâ setzen. Dabei rĂŒckt das eigentliche Training mitunter fast in den Hintergrund. Aspekte wie âGesundheitâ, âSpaĂ an der Bewegungâ und âsinnvolle Verbesserung der eigenen Technik und sportlichen Leistungâ stehen dann zurĂŒck hinter Rankings bei diversen Challenges, dem Sammeln von Bonuspunkten oder der Ausweitung der eigenen âCommunityâ durch das Hinzugewinnen von âFollowernâ. HĂ€ufig werden dabei die konkreten Inhalte der Apps und Anwendungen â egal ob es um ErnĂ€hrung, Training oder den generellen Lifestyle geht â kaum oder gar nicht hinterfragt. Getan wird das, was die App vorgibt oder das Programm als notwendig verkauft. Diese Entwicklung ist durchaus bedenklich, da einige der Fitness-Challenges, die momentan im Trend sind, vor allem bei Einsteigern eindeutig zu Ăberlastungen fĂŒhren. Ebenso grassieren ErnĂ€hrungstipps, die auf extremen ErnĂ€hrungsformen wie z. B. einer ketogenen DiĂ€t basieren und keineswegs fĂŒr jeden Sportler geeignet oder sinnvoll sind. Im Gegensatz zum Training im Studio oder mit einem Coach gibt es bei den Apps zudem in aller Regel keinerlei Beratung oder irgendeine Art von ausgleichendem Korrektiv, was gerade die Nutzung durch unerfahrene Sportler problematisch macht.
Anders als das Klischee nahelegt, sind die technik- und social media-affinen Youngsters, denen es vor allem um AuĂenwirkung geht, jedoch keineswegs die einzige Nutzergruppe. Laut dem Deutschen Ărzteblatt erfreuen sich neben den Fitness- auch Gesundheits-Apps immer gröĂerer Beliebtheit: âSie unterstĂŒtzen Patientinnen und Patienten niedrigschwellig etwa bei Ăbergewicht, Diabetes oder psychischen Problemen. In Deutschland nutzt fast jeder Dritte (31,6 Prozent) einer Civey-Umfrage aus dem vergangenen Jahr zufolge eine solche Anwendung. [âŠ] Zu Gesundheits-Apps gehören medizinische Apps wie beispielsweise die deutschen digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA). Die Mehrheit der Apps seien allerdings unregistrierte Wellness-, Sport- oder Lifestyle-Apps, erklĂ€rt MĂŒllerovĂĄ. Rund 22 Prozent aller verfĂŒgbaren Gesundheits-Apps zielten auf die mentale Gesundheit.[8] Ein groĂer Vorteil dieser Art von Anwendung liegt ganz eindeutig darin, dass eine weitaus striktere QualitĂ€tskontrolle erfolgt und davon ausgegangen werden darf, dass zumindest die DiGAs auf aktuellen wissenschaftlichen Leitlinien und Empfehlungen beruhen. Dennoch stellt sich die Frage, wie weit eine technische Anwendung die individuelle Betreuung und Beratung wirklich ersetzen kann oder ob es sich vielmehr um eine ErgĂ€nzung handeln sollte. Hier ist zu bezweifeln, dass die Apps, zumindest in der aktuellen Form, wirklich eine umfassende Betreuung leisten können, vor allem dann, wenn es um komplexere Fragestellungen geht. Ein Aspekt, der ganz klar positiv heraussticht, ist dagegen die Datensicherheit: âDamit Patientinnen und Patienten solche Anwendungen sicher nutzen können, werden sie vom BfArM u. a. auf die Einhaltung der Datensicherheitsanforderungen geprĂŒft. Wenn dabei MĂ€ngel auffallen, mĂŒssen die Hersteller nachbessern.â[9]
Mehr Leistung, Motivation und Wohlbefinden? Was die Anwendungen wirklich bringen
Angesichts der Flut an Anwendungen und Vielzahl von Nutzern stellt sich darĂŒber hinaus die Frage, welchen Nutzen die Apps haben und wem sie letztendlich mehr dienen â der sie herstellenden Industrie in Form von UmsĂ€tzen oder den Nutzern in Form von mehr Gesundheit, Fitness und Wohlbefinden. Ein kurzzeitiger Effekt dĂŒrfte klar sein: Durch die Installation einer App entsteht potenziell der Eindruck, sich um die eigene Gesundheit oder Fitness gekĂŒmmert zu haben und damit ein gutes GefĂŒhl. Unter UmstĂ€nden steigt anfangs zudem die Motivation, wirklich etwas zu Ă€ndern und beispielsweise Bonuspunkte zu sammeln oder eine Tagesaufgabe zu erledigen. Doch wie sieht es mittel- bis langfristig aus? Und wie stark fallen die erzielten Verbesserungen tatsĂ€chlich aus?
Erste Studienergebnisse zeichnen ein eher ernĂŒchterndes Bild. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2021 kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass bei der Etablierung neuer Bewegungsgewohnheiten in Verbindung mit dem Besuch eines Fitnessstudios keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Teil-Gruppen vorlagen. Die Nutzung einer Fitness-App hatte somit keinen direkten Einfluss auf die Sportgewohnheiten der Teilnehmer der Studie. Ebenso gab es keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der Zufriedenheit mit dem Fitnessstudio oder der Bindung an dieses spezielle Studio. Es konnte folglich gezeigt werden, dass eine Fitness-App als alleinstehendes Element offenbar nicht ausreicht, um Gewohnheiten, die Zufriedenheit oder die Absicht, bei einem Studio zu bleiben, zu verbessern.[10]
In die gleiche Richtung geht das Ergebnis einer gröĂer angelegten Meta-Studie, die zu folgendem Schluss kam: âIn elf randomisiert-kontrollierten Studien wurde untersucht, ob sich Menschen mehr bewegen, wenn sie Fitness-Apps verwenden. Hierzu bekam eine Personengruppe eine App oder eine App und einen Tracker zur VerfĂŒgung gestellt. [âŠ] Es liegt kein Hinweis darauf vor, dass die Verwendung einer Fitness-App oder eine Kombination aus Fitness-App und Tracker einen relevanten Einfluss auf das mittel- und lĂ€ngerfristige AusmaĂ der regelmĂ€Ăigen körperlichen AktivitĂ€t hat. [âŠ] Bei kurzer Studiendauer (zwei bis zehn Wochen) scheinen sich App-Benutzerinnen und -benutzer mehr zu bewegen, bei lĂ€ngerer Studiendauer (bis zu zwölf Monaten) ist dies jedoch nicht mehr so. Dabei bestehen keine Unterschiede zwischen MĂ€nnern und Frauen, unterschiedlichen Altersgruppen oder Personen mit unterschiedlichem BMI.â[11]
Geht es darum, die Motivation langfristig aufrechtzuerhalten und die eigenen Gewohnheiten grundlegend zu Ă€ndern, verzeichnen die Apps â zumindest als alleiniges Mittel â somit offensichtlich keine besseren Ergebnisse als die klassische Betreuung oder andere Formen des Coachings.
Wie sieht es in anderen Einsatzbereichen aus? Hinsichtlich des Nutzens fĂŒr die Steigerung der eigenen Leistung und Trainingssteuerung, darf man ebenfalls skeptisch bleiben, zumindest dann, wenn es um den flĂ€chendeckenden Einsatz geht. Im Spitzenbereich ist es sicherlich von Nutzen, auf diverse Daten zugreifen und diese auswerten zu können. FĂŒr den Hobbybereich stellt sich jedoch die berechtigte Frage, in welchem Rahmen dies tatsĂ€chlich sinnvoll ist: Wer es in der Regel ein bis maximal zwei Mal pro Woche ĂŒberhaupt zum Sport schafft, hat sicherlich zahlreiche andere Stellschrauben als ausgerechnet die Optimierung der MikronĂ€hrwerte oder die exakte Bestimmung der aeroben Schwelle. Hinzu kommt, dass vielfach ein solides Wissen notwendig ist, um ĂŒberhaupt mit den angezeigten Werten arbeiten zu können. In meiner eigenen Coaching-TĂ€tigkeit erlebe ich es immer wieder, dass zwar umfassende Auswertungen und Analysecharts prĂ€sentiert werden, die Nutzer aber nicht wissen, in welcher Einheit die Werte angegeben werden, geschweige denn, was sie aussagen. Dieses Wissen wĂ€re jedoch dringend notwendig, um entscheiden zu können, was ein âguterâ bzw. âschlechterâ Wert ist und was letztendlich zu tun wĂ€re, um diesen Wert zu beeinflussen oder zu verbessern. SpĂ€testens dann stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit von umfassender Datensammlung mit Nachdruck. Zudem ist zu bedenken, dass die von der Uhr oder App angezeigten Werte immer öfter unhinterfragt ĂŒbernommen werden. Dabei wird die Genauigkeit der Messungen hĂ€ufig ĂŒberschĂ€tzt. Das wird dann problematisch, wenn Nutzer anschlieĂend aufgrund dieser Informationsgrundlage eine ernsthafte Erkrankung oder körperliche Fehlfunktion vermuten, die unter UmstĂ€nden aus einem Messfehler oder einer falschen Auswertung resultiert. Bis diese Frage geklĂ€rt ist, vergeht oft viel Zeit und es bedarf mitunter aufwĂ€ndigerer Diagnostik, die wiederum mit Kosten und erheblichem psychischem Stress verbunden ist. Dieser Tatsache sollte man sich beim Einsatz diverser Analysetools unbedingt bewusst sein, vor allem dann, wenn immer mehr gesundheitskritische Daten erhoben sowie Vermutungen ĂŒber das Vorliegen von Krankheiten angestellt werden.
Vorsicht ist dabei insbesondere bei Apps geboten, die sich auf die mentale Gesundheit konzentrieren, wie Dr. Petra MĂŒllerovĂĄ von der Lund UniversitĂ€t in Schweden darlegt: âGerade bei Apps fĂŒr die mentale Gesundheit gebe es unterschiedliche Level. Von unproblematischen Anwendungen mit AtemĂŒbungen bis hin zu dem Versprechen, Krankheiten zu diagnostizieren oder zu heilen. HierfĂŒr braucht es aber einen Arzt oder eine Ărztin. [âŠ] Noch schwieriger werde es, wenn es um Apps geht, die KĂŒnstliche Intelligenz (KI) nutzen und Menschen mit Chatbots kommunizieren wie mit ihren Psychotherapeuten. âDa gibt es sichere, die medizinisch gestaltet und als Medizinprodukt zertifiziert sind. Andere sind allerdings nicht kontrolliert und basieren lediglich auf einer KI, die an keinen medizinischen Richtlinien aufgebaut worden ist.[12] In diesen FĂ€llen können Apps schlimmstenfalls eindeutigen Schaden anrichten, so dass von einer Nutzung dringend abzuraten ist.
Apps als Ersatz fĂŒr den Trainer?
Verfolgt man die aktuelle Diskussion wird man regelmĂ€Ăig mit der These konfrontiert, dass es nun wirklich nur noch eine Frage der Zeit ist, bis der Coach aus Fleisch und Blut durch eine Anwendung oder kĂŒnstliche Intelligenz ersetzt wird. Unbestritten ist es so, dass sich der Trainerberuf â wie wohl fast jeder andere Beruf â in den nĂ€chsten Jahren und Jahrzehnten verĂ€ndern wird. Dieses PhĂ€nomen gab es jedoch schon immer: Wohl in keinem Job bleiben die Anforderungen und dafĂŒr notwendigen FĂ€higkeiten ĂŒber Jahrzehnte hinweg konstant gleich. Vielmehr besteht ĂŒberall die Notwendigkeit zu bestĂ€ndiger Fort- und Weiterbildung. Was sich allerdings tatsĂ€chlich verĂ€ndert hat, ist die Geschwindigkeit, mit der neue Entwicklungen eintreten. Diese zwingt uns dazu, schneller als frĂŒher auf Entwicklungen zu reagieren und Angebote entsprechend anzupassen.
Doch trotz dieser zunehmenden Beschleunigung zeichnet sich aktuell dennoch nicht ab, dass âechteâ Coaches in absehbarer Zeit komplett ĂŒberflĂŒssig werden. Ein Blogartikel der Deutschen Hochschule fĂŒr PrĂ€vention und Gesundheitsmanagement sieht die Betreuung durch qualifiziertes Trainingspersonal sogar weiterhin als absolute Notwendigkeit: âFehlt es an einer individuellen Abstimmung der Trainingsparameter, einer realistischen Zielbestimmung und der Einweisung, so werden wichtige Parameter zu Abstimmung der Dosierung und Anpassung des Programmes an den Kunden ĂŒbergangen. Dies kann im negativsten Falle zu einer Ăberlastung oder Verletzung, in den allermeisten FĂ€llen zu einem Ausbleiben von notwendigen Trainingsreizen und damit -effekten, fĂŒhren. [âŠ] Diese essenziellen Grundlagen sind durch eine professionelle Betreuung und Trainerleistung gegeben (Strohacker, Fazzino, Breslin & Xu, 2015; Mujika, Halson, Burke, BalaguĂ© & Farrow, 2018). Dies gilt nicht nur fĂŒr die Trainingsprogrammerstellung, sondern im besonderen MaĂe fĂŒr die DurchfĂŒhrung. Durch Feedback, motivationale UnterstĂŒtzung und Trainingsbetreuung wird dies sichergestellt (Mazetti et al., 2000; McClaran, 2003).â[13]
Fakt ist also, dass âechteâ Coaches definitiv auch weiterhin ihre Berechtigung haben. Bedeutet das gleichzeitig, dass die Apps und Wearables letztendlich vollkommen ĂŒberflĂŒssig sind? Mitnichten! ErgĂ€nzend eingesetzt haben viele sicherlich ihren Nutzen und können zur Leistungssteigerung und Verbesserung des Wohlbefindens beitragen. Das funktioniert in aller Regel jedoch nur dann, wenn parallel dazu eine kompetente Betreuung stattfindet oder sehr viel eigenes Wissen vorhanden ist, um die Werte korrekt einzuschĂ€tzen, bei Problemen gegenzusteuern und Fehler zu korrigieren. Dabei ist der Blick von auĂen bzw. die zusĂ€tzlich hinzugezogene Expertise in vielen FĂ€llen nach wie vor unverzichtbar.
[1] https://de.statista.com/outlook/hmo/digital-health/digital-fitness-well-being/gesundheits-wellness-coaching/fitness-apps/weltweit, abgeruf. 23.03.2025
[2] https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Fitness-Gesundheits-Apps-Smartphone, abgeruf. 23.03.2025
[3] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1046996/umfrage/marktentwicklung-von-Wearables-und-fitness-apps-in-deutschland/, abgeruf. 23.03.2025
[4] https://www.externedatenschutzbeauftragte.de/blog/apple-watch-datenschutz-medizin-apps-apple-uhr-deutschland-preis-g%C3%BCnstig-kaufen.html, abgeruf. 23.03.2025
[5] https://www.externedatenschutzbeauftragte.de/blog/apple-watch-datenschutz-medizin-apps-apple-uhr-deutschland-preis-g%C3%BCnstig-kaufen.html, abgeruf. 23.03.2025
[6] https://www.dosb.de/aktuelles/news/detail/studie-untersucht-fitness-typen-unter-freizeitsportlern, abgeruf. 23.03.2025
[7] https://www.lesmills.com/de/studios/forschung-insights/forschung/generation-active-ihre-wichtigste-zielgruppe/, abgeruf. 23.03.2025
[8] https://www.aerzteblatt.de/archiv/digitale-anwendungen-gesundheits-apps-werden-beliebter-9632442e-3e2f-465b-aab2-c8eaf7878c14, abgeruf. 23.03.2025
[9] https://www.bfarm.de/DE/Medizinprodukte/Aufgaben/DiGA-und-DiPA/Datensicherheitskriterien/_node.html, abgeruf. 23.03.2025
[10] Valcarce-Torrente M, Javaloyes V, Gallardo L, GarcĂa-FernĂĄndez J, Planas-Anzano A. Influence of Fitness Apps on Sports Habits, Satisfaction, and Intentions to Stay in Fitness Center Users: An Experimental Study. Int J Environ Res Public Health. 2021 Oct 2;18(19):10393. doi: 10.3390/ijerph181910393. PMID: 34639692; PMCID: PMC8507994.
[11] https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/wissen/mehr-bewegung-aber-wie/verhelfen-fitness-apps-zu–mehr-bewegung, abgeruf. 23.03.2025
[12] https://www.aerzteblatt.de/archiv/digitale-anwendungen-gesundheits-apps-werden-beliebter-9632442e-3e2f-465b-aab2-c8eaf7878c14, abgeruf. 23.03.2025
[13] https://www.dhfpg.de/newsroom/fachartikelfachnews/details/fitness-apps-als-trainerersatz, abgeruf. 23.03.2025
