Kraftspanne statt Lebensspanne
Von der reinen Lebenszeit zur echten Gesundheitsspanne
Einleitung
Noch nie wurden Menschen im Durchschnitt so alt wie heute, und doch steigt die Krankenlast stetig an. Die demografische Entwicklung fĂŒhrt weltweit zu einer kontinuierlichen Steigerung der Lebenserwartung. Doch diese zusĂ€tzliche Lebenszeit ist hĂ€ufig nicht gleichbedeutend mit mehr gesunden Jahren. Viele Menschen verbringen die letzten zehn bis fĂŒnfzehn Jahre ihres Lebens mit chronischen Erkrankungen, EinschrĂ€nkungen und dem Verlust der UnabhĂ€ngigkeit.
Dieses Aufkommen wirft eine zentrale Frage auf: ZÀhlt wirklich nur die Anzahl der Jahre oder vielmehr die FÀhigkeit, diese Jahre stark, unabhÀngig und selbstbestimmt zu verbringen.
Hier setzt das Konzept der Kraftspanne an, das den Diskurs um Lebensspanne, Gesundheitsspanne und Longevity entscheidend erweitert.
Die Lebensspanne: das biologische Limit ist gesetzt
Die durchschnittliche Erwartung der Lebensjahre steigt, doch die menschliche Lebensspanne ist zeitgleich biologisch begrenzt. Dong et al. [1] zeigten, dass die maximale Lebensdauer bei etwa 115 bis 125 Jahren stagniert.
ZusÀtzliche Jahre lassen sich zwar durch Innovation und Fortschritte in der Medizin sowie Hygiene gewinnen, die absolute Grenze verschiebt sich jedoch nicht wirklich. Damit wird deutlich aufgezeigt:
Eine reine VerlÀngerung der Lebenszeit ist nicht ausreichend, wenn die QualitÀt dieser Jahre dabei nicht verbessert wird.

Gesundheitsspanne: StÀrken und Limitationen
Der Begriff Gesundheitsspanne meint die Zeit, in der ein Mensch möglichst frei von Krankheit oder funktionellen EinschrÀnkungen leben kann. Kaeberlein [2] kritisierte bereits 2018, dass dieser Begriff unscharf bleibt und zu einem Schlagwort ohne klare Abgrenzung geworden ist.
Eine aktuelle systematische Ăbersichtsarbeit von Masfiah et al. [3] analysierte ĂŒber 14.000 Publikationen und fand 113 unterschiedliche Definitionen von Healthspan.
Manche dieser Definitionen fokussieren auf die Abwesenheit chronischer Erkrankungen, andere auf Behinderungen oder subjektives Wohlbefinden.
Diese Uneinheitlichkeit erschwert nicht nur Vergleiche in der Forschung, sondern auch eine klare Umsetzung in Public-Health-Strategien.
Longevity: Chancen und Grenzen
GleichermaĂen dazu hat der Begriff Longevity in Wissenschaft, Forschung und Gesellschaft an Bedeutung gewonnen. Langlebigkeit beschreibt das Ziel, nicht nur lange, sondern möglichst gesund und aktiv zu leben. Longevity-Forschung brachte wichtige Impulse, etwa durch die Erforschung von Biomarkern wie genetischen Mustern oder TelomerlĂ€nge. Auch die Betonung von ErnĂ€hrung, Bewegung und Schlaf als zentrale Einflussfaktoren ist ein Fortschritt.
Dennoch bleibt Longevity so viel Gutes es auch hat, ein zweischneidiges Schwert. Die Gefahr besteht darin, Altern wie eine behandelbare Krankheit zu sehen, obwohl Altern ein normaler Teil des Lebens ist. Kommerzialisierung und ĂŒberzogene Versprechen etwa durch teure Interventionen oder NahrungsergĂ€nzungen lenken den Blick leicht von den einfachen, wirksamen Basics ab.
Die RealitÀt ist klar: Altern lÀsst sich nicht stoppen, sondern nur modulieren, und das nur bis zu einem gewissen beeinflussbaren Grad. Deshalb braucht es ein Konzept, das realistisch und praxisnah bleibt: die Kraftspanne.
Kraftspanne: das fehlende BrĂŒckenglied
Faigenbaum et al. [4] schlugen 2024 den Begriff Strengthspan vor, der sich als Kraftspanne ĂŒbersetzen lĂ€sst. Es beschreibt die Jahre, in denen ein Mensch ĂŒber ausreichende Muskelkraft verfĂŒgt, um unabhĂ€ngig, mobil und selbststĂ€ndig zu leben.
Im Gegensatz zu unscharfen Konzepten wie Healthspan ist Muskelkraft messbar, prognostisch relevant und trainierbar. Sie lĂ€sst sich mit einfachen Tests wie Handkraftmessungen oder Aufstehversuchen vom Stuhl erfassen. Wer seine Kraft verliert, verliert Autonomie und damit die Basis fĂŒr Selbstbestimmung.

Muskelkraft und MortalitÀt
Die Evidenzlage ist eindeutig. Man konnte zeigen, dass Muskelschwund mit einer erhöhten Sterblichkeit assoziiert ist [5]. Fernandes et al. [6] belegten in einer systematischen Review, dass Sarkopenie weit verbreitet ist und mit StĂŒrzen, Hospitalisierungen und funktionellen EinschrĂ€nkungen einhergeht.
Besonders deutlich zeigt sich dies in Pflegeheimen. Haigis et al. [7] dokumentierten 2024, dass Pflegeheimbewohner in Deutschland ĂŒberwiegend körperlich inaktiv sind und dadurch ein besonders hohes Risiko fĂŒr Sarkopenie aufweisen. Hier wird schnell sichtbar, wie sehr Bewegungs und Trainingsmangel die Kraftspanne verkĂŒrzt und wie stark dies die LebensqualitĂ€t beeintrĂ€chtigt.
Auch in klinischen Kontexten ist Muskelkraft ein zentraler Faktor. Bettariga et al. [8] fanden in einer Meta-Analyse, dass höhere Muskelkraft und kardiorespiratorische Fitness bei Krebspatienten mit einer signifikant niedrigeren Gesamt- und krebsspezifischen Sterblichkeit verbunden sind. Muskelkraft ist somit nicht nur fĂŒr gesunde Menschen, sondern auch im Krankheitsfall ein entscheidender PrĂ€diktor fĂŒr Ăberleben.
Krafttraining als PrÀvention und Therapie
Kraft ist nicht nur messbar, sondern auch gezielt trainierbar. Krafttraining zĂ€hlt zu den effektivsten Interventionen fĂŒr gesundes Altern. Krafttraining kann den Blutdruck bei Patienten mit Bluthochdruck senken [9]. Damit wird deutlich, dass Krafttraining nicht nur prĂ€ventive Wirkung entfaltet, sondern auch therapeutisches Potenzial besitzt.
Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig: Muskelkraft wirkt wie eine nicht-pharmakologische Medizin.
Gesellschaftliche und ökonomische Dimension
Die Public-Health-Perspektive verdeutlicht, dass Muskelkraft nicht allein ein individuelles Thema ist. Die University of California, Irvine [10], zeigte in diesem Jahr, dass die Gesundheitsspanne stark durch soziales Ungleichgewicht beeinflusst wird. Benachteiligte Bevölkerungsgruppen erleben nicht nur weniger gesunde Jahre, sondern auch einen stÀrkeren Verlust an LebensqualitÀt.
Hinzu kommt die enorme ökonomische Dimension. Sarkopenie verursacht europaweit jĂ€hrlich Milliardenkosten durch PflegebedĂŒrftigkeit, Krankenhausaufenthalte und Folgeerkrankungen. PrĂ€ventive Strategien durch Bewegung und ErnĂ€hrung können diese Last erheblich reduzieren und stellen eine Investition dar, die sowohl medizinisch als auch volkswirtschaftlich sinnvoll ist.

FrĂŒher Beginn von Sarkopenie
Sarkopenie ist nicht ausschlieĂlich ein Problem des hohen Alters. In einem Artikel hier in der Athletik habe ich bereits 2023 dargestellt, dass der Abbau von Muskelmasse oft schon ab dem 25. Lebensjahr beginnt, wenn Bewegungsmangel und FehlernĂ€hrung ĂŒberwiegen [11]. PrĂ€vention darf daher nicht erst bei Ă€lteren Menschen ansetzen, sondern muss frĂŒhzeitig und kontinuierlich erfolgen, auch bei Athleten.
ZellulÀre Perspektive
Auch auf zellulĂ€rer Ebene lĂ€sst sich die Bedeutung von Bewegung nachvollziehen. In einem Beitrag zur Telomer-Gesundheit habe ich 2024 gezeigt, dass insbesondere Ausdauer- und Intervalltraining die Telomerase-AktivitĂ€t fördern und die Telomere verlĂ€ngern können [12]. Krafttraining bleibt dabei unverzichtbar fĂŒr die FunktionalitĂ€t des Bewegungsapparats. Die Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining stellt somit die effektivste Strategie fĂŒr eine VerlĂ€ngerung der Gesundheitsspanne dar.
BegriffsklÀrung
Das Max-Planck-Institut fĂŒr Biologie des Alterns [13] unterscheidet klar zwischen Lebenserwartung (Durchschnitt), Lebensdauer (absolutes Alterslimit), Langlebigkeit (ĂŒberdurchschnittliches Alter) und Gesundheitsspanne (Jahre ohne Krankheit). Diese Begriffe schaffen Orientierung, beantworten jedoch nicht die entscheidende Frage: Wie lange bleibt ein Mensch stark genug, um sein Leben selbstbestimmt zu gestalten. Genau an dieser Stelle setzt die Kraftspanne an.
Bedeutung der Kraftspanne fĂŒr Athleten und Fitnesstreibende
Auch im Leistungssport und Fitnesskontext erweist sich die Kraftspanne als zentraler grundlegender Faktor. Eine gute Muskelkraft ĂŒber das Leben hinweg ermöglicht nicht nur konstante Leistung, sondern wirkt zugleich prĂ€ventiv: Athleten mit hoher Kraftspanne erleiden signifikant weniger Verletzungen, profitieren von schnelleren Anpassungen im Training und können ihre Karriere verlĂ€ngern. Eine Metaanalyse von Lauersen et al. [14] zeigte, dass gezieltes Krafttraining das Verletzungsrisiko im Sport um durchschnittlich zwei Drittel reduziert. FĂŒr Freizeitsportler bedeutet eine groĂe Kraftspanne, Belastungen besser zu tolerieren, Plateauphasen zu ĂŒberwinden und die Freude an Bewegung langfristig zu erhalten. Damit wird deutlich: Kraftspanne ist weit mehr als ein geriatrisches Konzept, sie ist ein SchlĂŒsselmarker fĂŒr LeistungsfĂ€higkeit, Resilienz und Nachhaltigkeit im Training.
Wenn das Alter teuer wird
Die Zunahme der Lebenszeit geht nicht automatisch mit mehr gesunden Jahren einher. Laut WHO wuchs die weltweite Lebenserwartung zwischen 2000 und 2019 um 6,4 Jahre, die gesunde Lebenszeit (HALE) jedoch nur um 5,3 Jahre. Damit verbringen Menschen im Schnitt rund ein Jahr lĂ€nger in Krankheit [15]. Parallel zeigt sich die ökonomische Dimension: Sarkopenie verursacht allein in europĂ€ischen Gesundheitssystemen jĂ€hrliche Mehrkosten in Milliardenhöhe und schlĂ€gt pro Patient im Krankenhaus mit durchschnittlich 1240⏠zu Buche. Diese Zahlen verdeutlichen, dass der Verlust an Muskelkraft nicht nur die individuelle LebensqualitĂ€t mindert, sondern auch erhebliche gesellschaftliche und finanzielle Folgen fĂŒr alle hat.
Fazit
Die VerlĂ€ngerung der Lebenszeit ist also kein ausreichendes Ziel, wenn sie nicht mit dem Erhalt von Muskelkraft ĂŒber das Leben verbunden ist. Die Kraftspanne bietet ein praxisnahes, messbares und trainierbares Konzept, das sowohl wissenschaftlich fundiert als auch gesellschaftlich relevant ist. Sie sollte zukĂŒnftig in PrĂ€ventionsstrategien, Public-Health-Programmen und klinische Versorgung integriert werden.
Die entscheidende Frage fĂŒr die Zukunft lautet daher nicht:
Wie alt wollen wir werden.
Die entscheidende Frage lautet: Wie lange wollen wir aktiv und stark bleiben.
Ăber den Autor
Daniel Schoon ist seit 15 Jahren als Fitness- und Gesundheitsexperte tÀtig. Als Fitnessstudioleiter, Autor und Podcasthost vereint seine Arbeit evidenzbasierte AnsÀtze zur PrÀvention und Förderung von Gesundheit.
Literatur
- Dong X, Milholland B, Vijg J. Evidence for a limit to human lifespan. Nature. 2016;538(7624):257-259. doi: 10.1038/nature19793
- Kaeberlein M. How healthy is the healthspan concept? Geroscience. 2018;40(4):361-364. doi: 10.1007/s11357-018-0036-9
- Masfiah S, Kurnialandi A, Meij JJ, Maier AB. Definitions of healthspan: A systematic review. Ageing Res Rev. 2025;111:102806. doi: 10.1016/j.arr.2025.102806
- Faigenbaum AD, Garcia-Hermoso A, MacDonald JP, Mortatti A, Rial Rebullido T. Bridging the gap between strengthspan and lifespan. Br J Sports Med. 2024;58(14):758-760. doi: 10.1136/bjsports-2024-108357
- Kraus D. Mit dem altersbedingten Muskelschwund steigt das Sterberisiko. Orthop Rheuma. 2024;27:57. doi: 10.1007/s15002-024-4868-7
- Fernandes LV, Paiva AEG, Silva ACB, et al. Prevalence of sarcopenia according to EWGSOP1 and EWGSOP2 in older adults and their associations with unfavorable health outcomes: a systematic review. Aging Clin Exp Res. 2022;34:505-514. doi: 10.1007/s40520-021-01977-0
- Haigis D, Wagner S, Pomiersky R, et al. Sarkopenie, körperliche AktivitÀt und sedentÀres Verhalten von Pflegeheimbewohnenden in Deutschland. Z Gerontol Geriatr. 2024;57(5):395-401. doi: 10.1007/s00391-023-02275-z
- Bettariga F, Galvao DA, Taaffe DR, et al. Association of muscle strength and cardiorespiratory fitness with all-cause and cancer-specific mortality in patients diagnosed with cancer: a systematic review with meta-analysis. Br J Sports Med. 2025;59(10):722-732. doi: 10.1136/bjsports-2024-108671
- Correia RR, Veras ASC, Tebar WR, et al. Strength Training for Arterial Hypertension Treatment: A Systematic Review and Meta-analysis of Randomized Clinical Trials. Sci Rep. 2023;13:201. doi: 10.1038/s41598-022-26583-3
- University of California Irvine. Lifespan versus health span: How can we all stay healthier longer. 2025. VerfĂŒgbar unter: https://publichealth.uci.edu/2025/01/09/lifespan-versus-health-span-how-can-we-all-stay-healthier-longer
- Schoon D. Bedeutung von Sarkopenie. Deutsche Berufsakademie fĂŒr Sport und Gesundheit. 2023. VerfĂŒgbar unter: https://dba-online.de/bedeutung-von-sarkopenie/
- Schoon D. Telomer-Gesundheit. Deutsche Berufsakademie fĂŒr Sport und Gesundheit. 2024. VerfĂŒgbar unter: https://dba-online.de/telomer-gesundheit/
- Max-Planck-Institut fĂŒr Biologie des Alterns. Was bedeuten die Begriffe Lebenserwartung, Lebensdauer, Langlebigkeit und Gesundheitsspanne. 2025. VerfĂŒgbar unter: https://www.age.mpg.de/was-bedeuten-die-begriffe-lebenserwartung-lebensdauer-langlebigkeit-und-gesundheitsspanne
- Lauersen JB, Bertelsen DM, Andersen LB. The effectiveness of exercise interventions to prevent sports injuries: a systematic review and meta-analysis of RCTs. Br J Sports Med. 2014;48(11):871-877. doi: 10.1136/bjsports-2013-092538
