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Veganes Bodybuilding

EinfĂŒhrung

WĂ€hrend Fleisch noch vor vierzig Jahren in populĂ€ren Fernseh-Werbespots als ein StĂŒck Lebenskraft angepriesen wurde, fĂŒhren SchulkĂŒchen inzwischen vegetarisches Essen fĂŒr Schulkinder ein und stoßen dabei auf massive Kritik durch offenbar „wertkonservative“ Eltern (33). Dabei ist die vegetarische ErnĂ€hrung noch vergleichsweise moderat, denn lĂ€ngst scheint die vegane ErnĂ€hrung auf dem Vormarsch zu sein. Bis vor etwa fĂŒnf Jahren noch tat man vegane ErnĂ€hrung, also den völligen Verzicht auf jedwede tierische Nahrung, als skurrile Marotte von ein paar durchgeknallten Außenseitern ab. Heute indes stĂ¶ĂŸt man auf riesige Werbetafeln fĂŒr vegane Lebensmittel und findet selbst in den allerorts ĂŒblichen SupermĂ€rkten eine immer grĂ¶ĂŸere Auswahl an veganen Alternativen zu Fleisch, Wurst, Milch und KĂ€se. Der renommierte deutsche ErnĂ€hrungswissenschaftler Prof. Dr. Claus Leitzmann beschreibt in einer aktuellen Analyse des PhĂ€nomens die unterschiedlichsten „Splittergruppen“, welche die vegane ErnĂ€hrung inzwischen hervorgebracht hat. Das Spektrum reicht von „Pudding-Veganern“ ĂŒber „Fruganer“, „Roh-Veganer“, „Honig-Veganer“, „Pesco-Veganer“ – letztere verzehren sogar gelegentlich Fisch – bis hin zu „Freeganern“, denen es um „die Kritik und Abwehr von der kapitalistischen Konsum- und Wegwerfgesellschaft“ geht. (39) Denn Essen hat und hatte noch nie nur mit der Zufuhr von NĂ€hrstoffen zu tun, sondern immer auch mit Kultur, mit Politik, Wirtschaft und den Wertvorstellungen, um die es beim Essen und Trinken geht. LĂ€ngst gibt es auch vegane Proteinpulver!

Womit wir beim Bodybuilding wĂ€ren, denn abgesehen von AnhĂ€ngern dieses immer schon umstrittenen Sportes hat sich frĂŒher kaum jemand fĂŒr Proteinpulver als NahrungsergĂ€nzung interessiert. Dass Proteinpulver jetzt schon in „stinknormalen SupermĂ€rkten“ verkauft wird, darf man getrost als Indiz dafĂŒr werten, dass der Absatz boomt! Denn obwohl sich immer mehr vermeintliche „Spitzenbodybuilder“ inzwischen zu Tode dopen ist Bodybuilding keineswegs „im Sinkflug“ – ganz im Gegenteil, die Teilnehmerzahlen bei Bodybuilding-Meisterschaften boomen in nie gekanntem Ausmaß und auch die AnhĂ€ngerschaft des reinen „Freizeit-Bodybuildings“ wĂ€chst offensichtlich immer mehr. Diese Entwicklung ist das Ergebnis eines gewaltigen Wertewandels in der Bodybuilding-Welt. Immer mehr setzt sich die Einsicht durch, dass auch im Bodybuilding „mehr“ nicht gleich „besser“ ist, dass man Bodybuilding auch ohne Medikamente betreiben kann und dass ein muskulöser Körper nicht unbedingt immer schöner wird, wenn man immer mehr Muskelmasse und immer dickere Venen auf ihn draufpackt! Selbst auf Wettkampfebene ist das Bodybuilding inzwischen in einem gravierenden Umbauprozess begriffen. Das dezimiert die Teilnehmerzahlen nicht etwa, sondern lĂ€sst sie im Gegenteil sogar gewaltig anschwellen! In die neu geschaffenen Kategorien des „Classic Bodybuilding“ oder „Fitness- und Figur-Bodybuilding“ strömen junge Leute, die weder „Monstermasse“ noch „messerscharfe Definition“ mitbringen, dafĂŒr aber Ästhetik, Gesundheit, Lebensfreude und Offenheit fĂŒr die Fragen der Zeit statt weltabgewandter Dumpfheit, weil man ja außer fĂŒr Training, Essen, Schlafen und Arbeiten keine Zeit und keine Energie mehr hat, sich noch um irgendetwas sonst außer sich selber zu kĂŒmmern. Solche hoffnungsvollen jungen Leute aber bringen auch neue Ideen mit ins Bodybuilding, und eine solche Idee ist die von der veganen ErnĂ€hrung.

Wie alle Ideen, die einst jung, hoffnungsvoll und unschuldig das Licht der Welt erblickten, um die Dinge zum vermeintlich Besseren zu wenden, lĂ€uft jedoch auch die Idee der veganen ErnĂ€hrung Gefahr, in ganz unterschiedliche Richtungen gedrĂ€ngt zu werden. Prof. Dr. Claus Leitzmann, der Nestor der deutschen ErnĂ€hrungswissenschaft, formuliert wörtlich: „Der hĂ€ufigste Grund fĂŒr eine vegane ErnĂ€hrung ist ethischer Natur. Danach werden gesundheitliche GrĂŒnde genannt.“ (39) Nun machen die Wirren der Zeit gerade in den Wochen der Entstehung dieses Buches grandios vor, dass sich mit jeder Idee Ansehen, Macht und Geld erwirtschaften lĂ€sst, wenn man sie sich skrupellos unterwirft. Auch Bodybuilding bildet da keine Ausnahme, sondern ist geradezu ein Paradebeispiel. SpĂ€testens ab den 1960er Jahren wurde Bodybuilding skrupellos von den „StoffhĂ€ndlern“ okkupiert, die mit dem Schwarzhandel von Anabolika und sonstigen Medikamenten zu sehr viel Geld kamen und sich einen Teufel darum scherten, dass sie das Bodybuilding dabei regelrecht kaputt machten, indem sie die Idee hineintrugen, dass es „ohne Stoff nicht geht“ und damit den Absatzmarkt fĂŒr ihren „Stoff“ regelrecht erschufen. Ich habe erlebt, dass mir der Wertungsrichter einer Weltmeisterschaft, bei der ich auf der BĂŒhne stand, in einer Wettkampfpause vorschlug, mit ihm gemeinsam einen HĂ€ndlerring fĂŒr Wachstumshormon-PrĂ€parate in Deutschland zu organisieren – ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Presse deutschlandweit vor diesen SchwarzmarktprĂ€paraten warnte. Als ich diesem „Herrn“ (Akademiker, gepflegte Manieren, multilingual) eröffnete, dass ich nicht dope, reagierte er völlig erstaunt: „Aber das machen doch alle
“ Er stĂŒtzte einen ganzen Bodybuilding-Weltverband ins Chaos.

Man muss aber gar nicht in die illegalen AbgrĂŒnde des Dopingsumpfes vorstoßen, um diese Mechanismen zu begreifen. Frei nach dem Motto des großen Bertolt Brecht „Was ist schon das Ausrauben einer Bank gegen die GrĂŒndung einer Bank!“ bietet auch die ganz legale Welt des freien Marktes genĂŒgend Möglichkeiten, um jede noch so gut und altruistisch gemeinte Idee aufzugreifen und gewinnbringend so lange auszubeuten, bis sie in ihr Gegenteil verkehrt und unglaubwĂŒrdig geworden ist. Eugen Sandow, der im ausgehenden 19. Jahrhundert die Idee des Bodybuildings in die Welt setzte, wĂŒrde sich wohl im Grabe umdrehen, wenn er wĂŒsste, was das moderne Profibodybuilding aus seinen Idealen von einem starken, gesunden und Ă€sthetischen Körper gemacht hat! Dass es auch hier inzwischen „Gegenbewegungen“ wie das Natural-Bodybuilding oder „Fitness- und Figur-Bodybuilding“ mit einem gewaltigen Zulauf gibt, ist aus meiner Sicht Grund zur Hoffnung. Doch auch hier zeichnen sich lĂ€ngst schon wieder unterschiedliche Strömungen ab. Bereits ein Blick auf die Zersplitterung der Vereinslandschaft des Bodybuildings in Österreich, Deutschland und der Schweiz illustriert, was gemeint ist.

Nicht anders sieht es bei der veganen ErnĂ€hrung aus. Umweltschutz, Gesundheit und Tierwohl sind zentrale Themen der öffentlichen Debatte um die Ausrichtung der Politik geworden. Vegane ErnĂ€hrung wird inzwischen auch von wissenschaftlichen AutoritĂ€ten ganz ernsthaft als eine Möglichkeit zur Lösung drĂ€ngender Zeitprobleme diskutiert und immer mehr Menschen ĂŒberdenken aus dieser Sicht der Dinge ihr ErnĂ€hrungsverhalten. Und natĂŒrlich birgt diese Entwicklung das Potenzial zur Vermarktung – ebenso aber auch das Risiko, dass man „ins moralische Abseits gerĂ€t“, wenn man sich ihr verweigert. Wie auch immer, die Entwicklung der Dinge ist nicht mehr zu ĂŒbersehen: Inzwischen prangt der Hinweis „vegan“ auf immer mehr Lebensmittelverpackungen und lĂ€ngst gibt es auch vegane Restaurants und vegane Gerichte in den Bistros der Deutschen Bahn. Aber auch Sportinteressierte sind im Fokus des Interesses – die veganen Proteinpulver in den Supermarktregalen wurden bereits erwĂ€hnt. BĂŒcher mit Titeln wie „Vegan in Topform“ oder „Vegan zur Höchstleistung“ fluten den Markt. Schon zeichnen sich auch die ersten GrabenkĂ€mpfe ab. Ärzte punkten mit ihrer Fachkompetenz bei der Beurteilung von Gesundheitsfragen mit Buchtiteln wie „Vegan. Die gesĂŒndeste ErnĂ€hrung aus Ă€rztlicher Sicht“, obwohl ihre Kollegen aus der Kinderheilkunde womöglich noch immer besorgt das Jugendamt informieren, wenn sie Kunde davon erhalten, dass Eltern ihre Sprösslinge vegan ernĂ€hren. WĂ€hrend sich Autoren wie der bereits erwĂ€hnte Nestor der deutschen ErnĂ€hrungswissenschaft Prof. Dr. Claus Leitzmann mit BĂŒchern wie „Veganismus. Grundlagen, Vorteile, Risiken“ bereits im Titel erkennbar um wissenschaftliche Ausgewogenheit bemĂŒhen, ist der in ErnĂ€hrungsfragen seit Jahrzehnten einschlĂ€gig bekannte Lebensmittelchemiker Udo Pollmer gemeinsam mit einigen Gesinnungsgenossen lĂ€ngst schon wieder als Warner mit einem wie gewohnt sehr unterhaltsam geschriebenen Bestseller auf dem Buchmarkt unterwegs, dessen Titel bereits den Inhalt zusammenfasst: „Don’t go Veggie! 75 Fakten zum veganen Wahn!“ Ganz zeitgemĂ€ĂŸ tritt Udo Pollmer inzwischen auch im Internet in Erscheinung, denn die Jugend ist mehrheitlich digital unterwegs. Ob junge Bodybuilder beiderlei Geschlechts mit dem inzwischen ergrauten Udo Pollmer noch etwas anzufangen wissen entzieht sich freilich meiner Kenntnis. Vermutlich aber interessieren sie sich weniger fĂŒr wohlbeleibte Ă€ltere Herren, sondern mehr fĂŒr junge Bodybuildingstars. Kein Wunder also, dass die ersten veganen Bodybuilder bereits auf Youtube unterwegs sind.

Was von alldem zu halten ist – genau darum soll es in diesem Buch gehen.

Als zweifach promovierter Lehrer an einer medizinischen Fachschule fĂŒhle ich mich primĂ€r der Wissenschaft verpflichtet und stehe jeder Form von Ideologie ausnehmend kritisch gegenĂŒber. Lange vor meiner wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Aspekten des Bodybuildings habe ich ganz persönliche Erfahrungen gesammelt, die ich hier ebenfalls einbringen werde. Da ich seit 1974 Krafttraining betreibe, seit ĂŒber 40 Jahren Wettkampfbodybuilder bin und mich seit Mitte der 1990er Jahre ganz bewusst vegetarisch ernĂ€hre, kommt da Einiges zusammen. Die kommerziellen Aspekte des Bodybuildings lernte ich vor allem dadurch kennen, dass ich mich ab den 1990er Jahren auch als FunktionĂ€r bei insgesamt drei Bodybuilding-VerbĂ€nden engagierte, WettkĂ€mpfe bis hin zu einer Europameisterschaft organisierte und durch meine Teilnahme an internationalen ZusammenkĂŒnften Gelegenheiten hatte, hinter die Kulissen der Bodybuilding-Szene zu sehen.

Als der GrĂŒnder und Leiter des Novagenics-Verlages Klaus Arndt mich vor einigen Monaten anrief und mir vorschlug, ein Buch ĂŒber veganes Bodybuilding zu schreiben, sagte ich sofort begeistert zu, denn Bodybuilding ist nach wie vor mein „Lebensthema“, ĂŒber das ich noch immer und auf allen Ebenen nachdenke und wo ich mich noch immer einmische, nicht zuletzt als Teilnehmer an WettkĂ€mpfen – mittlerweile in der Seniorenklasse – und als Buchautor.(26)

Bereits einige Zeit nach dem Anruf von Klaus Arndt verfiel ich jedoch ins GrĂŒbeln. Denn eine Reihe von Fragen stellte ich mir erst, als ich schon am Manuskript saß. Veganes Bodybuilding ist ein Thema an der Schnittstelle von Biochemie, Sportphysiologie und Sozialwissenschaften – und das Ganze soll am Ende auch irgendwie unterhaltsam, gut lesbar und verstĂ€ndlich sein! GlĂŒcklicherweise versuche ich diesen Spagat nicht zum ersten Mal.

Wie sich die Zeiten Àndern

Neues Bodybuilding und neue Ideen

Wissenschaft hat ja auch irgendwo den ursprĂŒnglichen Zweck, sich im Leben besser zurechtzufinden, so dass man letztlich aus so ziemlich jedem Aspekt des Daseins eine Wissenschaft machen kann, wenn man sich nur lange und grĂŒndlich genug mit ihm beschĂ€ftigt. Mit Bodybuilding ist das nicht anders. Als ich vor ungefĂ€hr 20 Jahren den mir aberwitzig erscheinenden Entschluss fasste, Bodybuilding zum Thema meiner Doktorarbeit zu machen, genierte ich mich fast inmitten der anderen sportwissenschaftlichen Doktoranden der UniversitĂ€t Chemnitz. Seit ich als ZwölfjĂ€hriger mein Krafttraining mit tĂ€glichem LiegestĂŒtztraining begann, hatte ich zu hören bekommen, dass ich ein Spinner, EinzelgĂ€nger und Außenseiter bin und dass nur populĂ€re Sportarten wie Fußball, Boxen oder Ringen „richtige Sportarten“ seien, denn nur das sah man im Fernsehen und nur darĂŒber berichteten die Zeitungen. Sie berichteten zwar auch ĂŒber andere Sportarten, aber fĂŒr die gab es in der sĂ€chsischen Provinz, wo ich aufwuchs, nicht nur kaum Trainingsmöglichkeiten, man galt auch als Außenseiter, wenn man sich ĂŒberhaupt dafĂŒr interessierte. Genau so ein Außenseiter wurde ich! Und dann stand ich gute zehn Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer mit dem Konzept fĂŒr einen Fragebogen in der Hand in einem SeminargebĂ€ude der UniversitĂ€t Chemnitz und hörte einen Doktor der Sportpsychologie laut ĂŒber den Flur ruft: „Wo is’n hier der Bodybuilder, der promovieren will?“ Da nahm mich offenbar jemand ernst, das Projekt endete erfolgreich. Unter solchen UmstĂ€nden kann man sich schon mal in die Wissenschaft verlieben.

Wissenschaft steht jedoch oft im Ruf, lebensfern irgendwo in einem Elferbeinturm zu existieren, wĂ€hrend die meisten Menschen im ganz realen Leben gezwungen sind, sich an ganz anderen AutoritĂ€ten zu orientieren. In der Kindheit sind das gewöhnlich die Eltern. Diese geben ihre tatsĂ€chlichen oder vermeintlichen Erkenntnisse ĂŒber die Mechanismen des irdischen Daseins an die nĂ€chste Generation weiter, auch in Fragen der ErnĂ€hrung. Interessant wird es, sobald EinflĂŒsse von Freunden, Lehrern, Trainern oder anderen Bezugspersonen dazukommen, die möglicherweise ganz andere Auffassungen als die Eltern vertreten. Frage eines Jungen an seinen Schulfreund: „Betet ihr vor dem Essen?“ Antwort: „Nein, meine Mutti kocht ganz gut!“. Aus diesem Witz könnte man ein Soziologie-Seminar machen: Wieso wird in manchen Familien vor dem Essen gebetet? Wieso gilt es als selbstverstĂ€ndlich, dass die Mutti kocht und nicht der Vati? Wieso gilt es als „normal“, dass es „Gekochtes“ gibt statt Rohkost? Konfrontiert man Kinder und Jugendliche mit ErziehungseinflĂŒssen, die solche Fragen aufwerfen, darf man sich nicht wundern, wenn sie diese Dinge je nach SensibilitĂ€t, Intelligenz und Eigensinn ganz unterschiedlich verarbeiten und zu ganz eigenen Schlussfolgerungen gelangen. Genau in diesem Spannungsfeld wachsen heute viele junge Bodybuilding-Enthusiasten auf. Nicht selten „kracht“ es dann mal daheim, wenn die „neumodischen Auffassungen“, die man aus dem Gym mit nach Hause bringt, mit den mehr oder weniger althergebrachten, „konventionellen“ Überzeugungen von Eltern, Onkeln und Tanten kollidieren.

Wie sich das anfĂŒhlt, weiß ich aus eigenem Erleben. Einer der Menschen, die meinen Eigensinn stets weniger entspannt sahen, war mein Vater. „Willst du gegen den Strom schwimmen?“, fragte er mich immer wieder – und nicht immer leise und gelassen. Das betraf nicht nur die Begeisterung fĂŒr Bodybuilding statt fĂŒr „normale“ Sportarten wie Fußball oder Boxen. „Mit dem Strom zu schwimmen“ bedeutete in der sĂ€chsischen Provinz auch: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“ Der letzte Krieg lag noch keine 30 Jahre zurĂŒck, immer wieder bekam ich vom Hunger zu hören, der in den Jahren danach den Alltag bestimmte. Nicht aufzuessen galt als SĂŒnde, sich satt essen zu können als Privileg, fĂŒr das man der Welt Dank schuldete. Als ich als FĂŒnfjĂ€hriger irgendwann keine Blutwurst mehr essen wollte, weil mir klar geworden war, dass sie Blutwurst heißt, weil sie aus Blut „gemacht wird“, erntete ich GelĂ€chter. „Tiere sind doch zum Essen da!“, bekam ich zu hören. Und als ich einige Jahre spĂ€ter Vegetarier wurde, hieß es: „Wovon willst du denn stark werden, wenn du kein Fleisch isst?!“

Inzwischen sind knapp 50 Jahre vergangen und die VerhĂ€ltnisse haben sich fast ins Gegenteil verkehrt. In meiner Jugend in der DDR gab es keine Gyms und ich galt als Sonderling, weil ich im Winter am vereisten KlettergerĂŒst eines Kinderspielplatzes KlimmzĂŒge und Dips trainierte. Heute hingegen ist es „in“, Mitglied eines Fitnessstudios zu sein, die es mittlerweile fast ĂŒberall gibt (selbst in Werdau – unfassbar
). Fleisch zu essen ist dagegen ins Gerede geraten, wĂ€hrend vegetarische und vegane ErnĂ€hrung boomen wie nie zuvor. Der Strom hat die Richtung geĂ€ndert.

Meine Mitautorin Mag. Sonja Fiala hat Ähnliches erlebt. Als vormals stark ĂŒbergewichtige „Tochter aus gutem Hause“ litt sie immer unter ihren ĂŒberschĂŒssigen Pfunden und der daraus resultierenden Abwertung, fĂŒgte sich aber nicht in ihr Schicksal, sondern nutzte im Wien ihrer Jugend jede sich bietende Gelegenheit, ihre Figur mit Jogging, Gymnastik und schließlich mit Hilfe des langsam in Mode kommenden Frauen-Bodybuilding in den Griff zu bekommen. Allen RĂŒckschlĂ€gen zum Trotz schenkte sie sich zu ihrem 50. Geburtstag die Teilnahme an ihrem ersten Bodybuilding-Wettkampf.

Auch Sonja hat sich schon vor Jahren – wenngleich aus anderen GrĂŒnden als ich – zu einer ErnĂ€hrung ohne Fleisch, Wurst und Fisch entschlossen. Trotz ihrer anspruchsvollen Arbeit als Abteilungsleiterin im Wiener Magistrat und sechs Tagen Training pro Woche hat sie sich bereit erklĂ€rt, ein Kapitel zu diesem Buch beizusteuern, das ich so nicht hĂ€tte bringen können, denn Sonja hat ihr ganz eigenes ErnĂ€hrungskonzept. Ohnehin ist Bodybuilding fĂŒr Frauen ein Thema, bei dem MĂ€nner aus meiner Sicht nur sehr begrenzt mitreden können, sodass ich sehr froh darĂŒber bin, Österreichs Ă€lteste Wettkampf-Bodybuilderin „mit im Boot zu haben“.

„Lupenreine Veganer“ sind wir jedoch nicht, das sei an dieser Stelle noch einmal ausdrĂŒcklich betont. Aber man muss ja auch kein Insekt sein, um ein Buch ĂŒber Insekten schreiben zu können, oder? Zudem haben wir gute GrĂŒnde dafĂŒr, den „Veganismus“ an der einen oder anderen Stelle auch durchaus kritisch zu sehen, trotz aller grundsĂ€tzlichen Sympathie. Auch diese GrĂŒnde sollen hier erlĂ€utert werden. Um alle Aspekte des Themas auch aus eigenem Erleben heraus möglichst gut beurteilen zu können, habe ich meine ErnĂ€hrung zudem einige Wochen lang von vegetarisch auf komplett vegan umgestellt. Es war eine interessante Zeit. Aber der Reihe nach, fangen wir an.

Dr. Andreas MĂŒller / Mag. Sonja Fiala