Wie viele Kohlenhydrate fĂŒr wen und fĂŒr welche Sportart?
Sabine Nunius & Huong Nguyen
Carb-loading vs. Low-carb
Kohlenhydrate, umgangssprachlich oft als âcarbsâ bezeichnet, spalten die Sportlerwelt wie fast kein zweiter MakronĂ€hrstoff. Dabei ist die Einstellung gegenĂŒber Kohlenhydraten stark von der ausgeĂŒbten Sportart abhĂ€ngig. So tendieren Kraftsportler eher dazu, die Kohlenhydrataufnahme zu reduzieren und stattdessen den Proteingehalt ihrer Nahrung nach oben zu fahren. Ausdauersportler hingegen setzen insbesondere bei der Vorbereitung auf carb-loading und im Wettkampf auf schnellen Zucker gegen den gefĂŒrchteten Hungerast.
Die GrundĂŒberlegung hinter diesem Vorgehen ist durchaus sinnvoll. Je nachdem, welche Art von AktivitĂ€t wir in welcher IntensitĂ€t und welcher Dauer ausĂŒben wollen, benötigen wir unterschiedliche Formen der Energiebereitstellung. Setzen wir auf die falschen Energiequellen oder schöpfen wir unsere Speicher zu stark aus, sind die Folgen deutlich spĂŒrbar. Wer schon einmal versucht hat, eine lĂ€ngere, intensive Radeinheit oder einen ausgedehnten Lauf mit leeren Kohlenhydratspeichern zu absolvieren, weiĂ, wie schnell der âMann mit dem Hammerâ kommt und plötzlich nichts mehr geht. Vor allem fĂŒr lĂ€ngere Ausdauerbelastungen brauchen wir unbedingt ein sinnvolles MaĂ an Kohlenhydraten und ausreichend Nachschub wĂ€hrend der Belastung. Wollen wir dagegen in erster Linie Muskelwachstum befördern, sind Proteine von groĂer Bedeutung. Nicht selten werden im Bereich des Kraftsports deshalb Kohlenhydrate als angebliche Dickmacher sehr stark gemieden oder komplett vom Speiseplan gestrichen.
Wie sinnvoll sind diese Herangehensweisen ernĂ€hrungswissenschaftlich betrachtet? Und welche Mengen an Kohlenhydraten braucht es fĂŒr welche Belastung? Diesen Fragen möchten wir im Folgenden weiter nachgehen.
âDas sĂŒĂe Giftâ â der schlechte Ruf der Kohlenhydrate
Betrachtet man die momentanen Trends â wie sie etwa in Lifestyle Zeitschriften und einschlĂ€gigen Social Media Formaten wiedergegeben werden â entsteht leicht der Eindruck, dass low-carb der Königsweg zu einem schlanken, fitten Körper ist. Hatten zuvor Fette den Ruf, ein buchstĂ€blicher âFettmacherâ zu sein, stehen nun Kohlenhydrate als ĂbeltĂ€ter im Visier. Entsprechend haben die low-carb DiĂ€ten und ErnĂ€hrungstipps den low-fat Trend abgelöst. Doch ist der schlechte Ruf von Zucker wirklich gerechtfertigt? Und wie genau ist der Zusammenhang zwischen Kohlenhydraten und âZuckerâ, das heiĂt sind Kohlenhydrate pauschal mit âZuckerâ gleichzusetzen?
Hier lohnt sich ein kurzer Ausflug in die Welt der Biochemie. Denn ebenso wie âFettâ nicht gleich âFettâ ist, gibt es bei den Kohlenhydraten klare Unterschiede in der Zusammensetzung und damit der VertrĂ€glichkeit und QualitĂ€t.
Insgesamt umfassen die Kohlenhydrate folgende Zuckerformen:
- Monosaccharide (Einfachzucker). Dazu gehören Glucose (Traubenzucker), die sich in Nahrungsmitteln in geringen Mengen wiederfindet, etwa in Honig und Trauben, und Fructose (Fruchtzucker). Letztere ist ebenfalls in Honig enthalten und stellt den Hauptzucker vieler Obstsorten dar.
- Disaccharide (Zweifachzucker). Zu den Zweifachzuckern zĂ€hlt beispielsweise die Saccharose (Rohr- oder RĂŒbenzucker = normaler Zucker, bestehend aus je einem MolekĂŒl Glucose & Fructose). Sie ist das bedeutendste SĂŒĂungsmittel in der ErnĂ€hrung des Menschen.
- Polysaccharide (Mehrfachzucker, komplexe Kohlenhydrate). Die Polysaccharide unterteilen sich weiter in:
Verdauliche Polysaccharide: z.B. StĂ€rke. Sie ist vor allem in Getreide, Kartoffeln und HĂŒlsenfrĂŒchten enthalten und stellt den Hauptteil der Kohlenhydrate in der ErnĂ€hrung dar. Die Einzelbausteine der StĂ€rke bestehen aus Glucose-Einheiten. Da im Darm die Glucoseketten der StĂ€rke erst aufgespalten werden mĂŒssen, dauert die Verdauung der StĂ€rke lĂ€nger und der Blutzuckerspiegel steigt langsamer an.
Unverdauliche Polysaccharide: Ballaststoffe wie Pektin, Ă-Glucan, Cellulose, Hemicellulose, Lignin und resistente StĂ€rke. Sie können nicht von den menschlichen Verdauungsenzymen abgebaut werden, teilweise aber von den Bakterien des Dickdarms. Damit sind Ballaststoffe wichtiges Futter fĂŒr unsere Darmflora! Da Ballaststoffe die pflanzlichen ZellwĂ€nde bilden und StĂŒtzfunktionen ĂŒbernehmen, finden sie sich in verschiedenen Anteilen in pflanzlichen Lebensmitteln.
Die wichtigste Aufgabe der Kohlenhydrate im menschlichen Organismus ist die zellulĂ€re Energieversorgung. Kohlenhydrate werden dabei zu Glucose abgebaut. Der oxidative Abbau von Glucose fĂŒhrt zur Energiegewinnung in Form von ATP (Adenosintriphosphat), dem wichtigsten zellulĂ€ren EnergieĂŒbertrĂ€ger. Er ermöglicht z.B. Muskelkontraktionen und Proteinsynthese. Kohlenhydrate sind damit neben Fett die primĂ€ren EnergietrĂ€ger. Protein hingegen ist als Baustoff fĂŒr die Muskulatur von Bedeutung, als EnergietrĂ€ger jedoch weniger relevant.
Im Körper gespeicherte Kohlenhydrate-VorrĂ€te werden als Glykogen in Muskeln und Leber gespeichert. Sie ĂŒbernehmen folgende essentielle Aufgaben:
- Energiequelle durch Bildung von ATP
- Energiespeicher in Form von Glykogen
- Synthese von Glykoproteinen und Glykolipiden (z.B. Bestandteile der Zellmembranen, Enzyme, Hormone, Rezeptoren)
- Synthese von Bindegewebssubstanz
- Baustein zur Bildung der DNA und RNA
- AusgangsgerĂŒst zur Bildung entbehrlicher AminosĂ€uren
Low-carb vs. carbloading: Wo liegt das richtige MaĂ?
Trotz dieser wichtigen Funktionen sind die Kohlenhydrate in den letzten Jahren stark in Verruf geraten. Was hĂ€ufig ĂŒbersehen wird, wenn eine sehr kohlenhydratarme ErnĂ€hrung propagiert wird: Bei hoher sportlicher Belastung mĂŒssen wir kohlenhydratreiche Lebensmittel aufnehmen, um die Glykogenspeicherung im Muskel zu verbessern und wĂ€hrend der Belastung die Muskeln mit Energie zu versorgen.[1] Doch auch im alltĂ€glichen Leben ist ein gewisses MaĂ an Kohlenhydraten notwendig, um den Körper angemessen zu versorgen. Hier stellt sich die Frage, wie gering oder hoch dieses MaĂ ausfallen sollte, um âausreichendâ zu sein.
BezĂŒglich der Menge bietet die ErnĂ€hrungsempfehlung der DGE eine Orientierungshilfe. Ihre Empfehlungen fĂŒr die Zufuhr von Kohlenhydraten ergeben sich aus den Empfehlungen fĂŒr die Protein- und Fettaufnahme. Es sollten ca. 50 % der Nahrungsenergie in Form von Kohlenhydraten aufgenommen werden.[2]
ErgĂ€nzt wird diese Richtlinie durch die Empfehlungen der WHO. Sie empfiehlt eine Begrenzung der Aufnahme von Einfach- und Zweifachzuckern auf 10 % der Nahrungsenergie. Das bedeutet, dass bei der Kohlenhydrataufnahme verstĂ€rkt auf komplexe Zucker zurĂŒckgegriffen werden sollte.
Diese BeschrĂ€nkung der Kohlenhydrataufnahme ist grundsĂ€tzlich höchst sinnvoll und gerechtfertigt. In der heuten Welt sind wir fast permanent von hochkalorischen, stark zuckerhaltigen Lebensmitteln umgeben, egal ob es sich dabei um GetrĂ€nke, SĂŒĂigkeiten oder WeiĂmehlprodukte (âempty caloriesâ) handelt. Sie werden mit der Entstehung von Volkskrankheiten wie Adipositas, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen und Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht. Ein maĂvoller Konsum ist deshalb dringend angeraten.
Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund hat sich low-carb als Gegenbewegung entwickelt. Der Grundgedanke hinter diesem Trend â die Reduzierung von Einfachzucker â ist nachvollziehbar, allerdings geraten einige wesentliche Aspekte schnell aus dem Blick:
- Wie bei allen anderen NÀhrstoffen ist die Kohlenhydrat-Zufuhr bedarfsabhÀngig. Sportlich oder anderweitig körperlich aktive Menschen haben einen höheren Bedarf an Kohlenhydraten als weniger aktive.
- Eine Konzentration auf einen einzelnen NÀhrstoff ist nur bedingt sinnvoll. Vielmehr muss die Zusammensetzung aller bei einer Mahlzeit aufgenommenen Bestandteile betrachtet werden inkl. des Fett- und Proteinanteils sowie zusÀtzlicher Ballaststoffe.
- Ballaststoffe zĂ€hlen ebenfalls zu den Kohlenhydraten. Sie sind nicht verdaulich, fĂŒr eine gesunde Darmflora aber absolut essentiell.
- Bei den Kohlenhydraten spielen QualitĂ€t und âDarreichungsformâ eine groĂe Rolle. Anstatt Kohlenhydraten pauschal als ungesunde Dickmacher zu verteufeln, sollten wir lieber auf eine sinnvolle Zusammensetzung und Kombination mit anderen Lebensmitteln achten.
Beispiel: WeiĂmehlbrötchen zum FrĂŒhstĂŒck in zwei Varianten
In Variante A wird ein Brötchen mit fettarmem FrischkĂ€se, GemĂŒse und gehackten NĂŒssen belegt. Das WeiĂbrot wird somit mit Protein sowie mit Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralien aus dem GemĂŒse und den NĂŒssen aufgewertet. Es verhĂ€lt sich dadurch anders hinsichtlich Stoffwechsel und nachfolgender Insulinantwort als ein Brötchen in Variante B mit Butter und Marmelade. Bereits dieses Beispiel zeigt, dass einzelne Lebensmittel nicht per se gut oder schlecht sind, sondern es auf die Menge und Kombination ankommt.
Ein weiterer Faktor, der bei Sportlern unbedingt zu bedenken ist: der erhöhte Bedarf an Kohlenhydraten. Insbesondere Ausdauersportler benötigen zwingend Kohlenhydrate, um Leistung zu erbringen. Hier spielen QualitĂ€t und Zusammensetzung in AbhĂ€ngigkeit vom Timing eine noch gröĂere Rolle. Zudem rĂŒckt die VertrĂ€glichkeit verstĂ€rkt in den Blick, gerade wenn es um die ErnĂ€hrung vor und im Wettkampf geht. Vor allem bei hochaktiven Athleten ist die Unterscheidung zwischen guten und schlechten Kohlenhydraten gröĂtenteils hinfĂ€llig, da sie auf hohe Mengen an Kohlenhydraten angewiesen sind. Welche Form der Kohlenhydrate sie dabei bevorzugen, ist eine Sache der Magen-Darm-VertrĂ€glichkeit. Vermeintlich âschlechteâ Kohlenhydrate wie ein Brötchen mit Butter und Honig, die den Athleten besser durch den Wettkampf bringen, sind unbedingt zu bevorzugen, wenn andernfalls Magenprobleme im Wettkampf drohen. An dieser Stelle ist individuelles Ausprobieren und Anpassen notwendig.
DarĂŒber hinaus spielt der glykĂ€mische Index eine Rolle bei der Auswahl der Kohlenhydrate abhĂ€ngig vom Timing. Der glykĂ€mische Index ist ein MaĂ fĂŒr den Blutglucoseanstieg nach Zufuhr kohlenhydrathaltiger Mahlzeiten im Vergleich zur Zufuhr eines Standards, z. B. WeiĂbrot oder GlucoseloÌsung. Vollkornprodukte haben einen niedrigeren glykĂ€mischen Index als âschnelleâ Zucker wie Traubenzucker oder WeiĂmehlprodukte. Sie lassen den Blutzucker somit langsamer ansteigen. In der allgemeinen ErnĂ€hrung wird dies eher als gĂŒnstig betrachtet. FĂŒr den unmittelbaren Wettkampf und die Nachbelastungsphase ist es hingegen oft sinnvoll, auf schnelle Zucker zu setzen, um Leistung und Regeneration zu fördern bzw. zu beschleunigen. Je weiter wir uns in die Welt des Spitzen- bzw. Leistungssports bewegen, desto genauer muss also betrachtet werden, was zu welchem Zeitpunkt und mit welchem Ziel erreicht werden soll. Dementsprechend gestaltet sich die jeweilige Kohlenhydratgabe.
Trotz dieser Notwendigkeit der individuellen Anpassung, lassen sich gerade fĂŒr Amateursportler gewisse Basisempfehlungen aussprechen. Als Maxime fĂŒr die BasisernĂ€hrung eines Sportlers gilt, genĂŒgend Energie zu sich zu nehmen und dabei das Spektrum an Ballast- und MikronĂ€hrstoffen maximal auszunutzen (i.d.R. Lebensmittel mit niedrigem Kohlenhydratanteil).
Das bedeutet:
- Fokus auf Vollkornprodukte (viele MikronÀhrstoffe wie z. B. B-Vitamine) und pflanzliche Nahrungsmittel.
- Wahl des Verarbeitungsgrads abhÀngig von der VertrÀglichkeit.
Beispiel: Steigerung der VertrĂ€glichkeit durch zunehmende Verarbeitung – Kernige Haferflocken vs. zarte Haferflocken vs. Porridge.
Die VertrÀglichkeit steigt jeweils mit dem Verarbeitungsgrad, hier also Vermahlungsgrad und der Frage gekocht/ungekocht. Gleiches gilt in Bezug auf grobkörniges Vollkornbrot im Vergleich zu fein vermahlenem Vollkornbrot. Auch hier erhöht der Verarbeitungsgrad die Verdaubarkeit und damit die VertrÀglichkeit.
Empfehlungen zum Verzehr von KH: Diese Lebensmittel sind grundsĂ€tzlich als Kohlenhydratquellen fĂŒr die BasisernĂ€hrung von Sportlern geeignet
- Getreide (ganzes Getreide, Getreideflocken, Getreideschrot und Vollkornmehl aus Hafer, Gerste, Dinkel, GruÌnkern, Weizen, Roggen, Naturreis/ungeschĂ€lter Reis, Mais, Hirse, Quinoa und daraus hergestellte Speisen wie Brot, MuÌsli, Brei, Suppen und Eintöpfe, Bratlinge, AuflĂ€ufe, Pfannkuchen, Salate)
- Kartoffeln, SuÌĂkartoffeln. Hier kommt es auf die Zubereitung an! Gut geeignet sind Pell-, Salz-, Backofenkartoffeln, Kartoffelsalat (dieser ohne Mayonnaise versteht sich đ)
- HuÌlsenfruÌchte (Erbsen, Linsen, Kichererbsen, Bohnen, hier jedoch unbedingt auf VertrĂ€glichkeit achten!)
Achtung: WĂ€hrend des Wettkampfs und in der Nachbelastungsphase empfiehlt es sich, insbesondere auf schnell verfĂŒgbare, niedermolekulare Kohlenhydrate mit einem hohen glykĂ€mischen Index zu setzen, um die Kohlenhydrat-VerfĂŒgbarkeit zu steigern und die Glykogenspeicher effektiv wieder aufzufĂŒllen.
WĂ€hrend des Wettkampfs:
Energieriegel, kohlenhydratreiche GetrĂ€nke, Bananen, TrockenfrĂŒchte, Reis- und Fruchtschnitten, Traubenzucker und Energy Gels
Nach dem Wettkampf:
Kohlenhydratreiche GetrĂ€nke, Saftschorlen und SĂ€fte, fettarme Bananenmilch / Banane mit Joghurt, Milchreis, Nudeln (mit TomatensoĂe)
Kohlenhydrate und Kraftsport â wichtige ErgĂ€nzung um Protein?
Die Antwort auf diese Frage fĂ€llt wenig ĂŒberraschend aus. Ebenso wie bei sportlich wenig aktiven Menschen ein gewisses MaĂ an Kohlenhydraten notwendig ist, brauchen Kraftsportler eine bestimmte Dosis an Kohlenhydraten. Allerdings dĂŒrfte die Diskussion ĂŒber Sinn und Unsinn von Kohlenhydraten im Kraftsport ganz besonders ausgeprĂ€gt sein, da hier Muskelaufbau und Körperzusammensetzung besonders stark im Fokus stehen. NaturgemÀà ergibt sich dadurch oft eine Konzentration auf Proteine und wertvolle Fette, die fĂŒr Muskelaufbau und Körperdefinition von erheblicher Bedeutung sind.
Welche Rolle spielen also die Kohlenhydrate und welche Richtlinien bieten eine Orientierung bezĂŒglich der Aufnahmemengen? GrundsĂ€tzlich beziehen sich ErnĂ€hrungsempfehlungen fĂŒr Kraftsportler vor allem auf die Proteinaufnahme. Zudem sind generelle Aussagen bezĂŒglich der Kohlenhydrate sehr schwierig, da der Kohlenhydratbedarf stark von TrainingsumfĂ€ngen und -zielen abhĂ€ngt. In der Literatur finden sich deshalb nur vergleichsweise pauschale Leitlinien.
So empfiehlt das IOC eine tĂ€gliche Kohlenhydrataufnahme von 4-7 g/kg BW/day, abhĂ€ngig von der IntensitĂ€t und Dauer des Trainings.[3] BezĂŒglich des richtigen Timings gibt es bislang nur wenige Studien. Betrachtet man die vorliegenden Empfehlungen, lassen sich insgesamt folgende Schlussfolgerungen ziehen, wenn es darum geht, das maximale Glykogenlevel in Muskeln und Leber zu erreichen:[4]
- Wettkampf-/Trainingsvorbereitung: Hier wird eine kurze Phase des Trainings mit reduzierten UmfÀngen in Verbindung mit erhöhter tÀglicher Kohlenhydrataufnahme (℠8 g/kg/day) empfohlen.
- Unmittelbar vor dem Wettkampf / Training: Das Glykogenlevel wird am besten aufrechterhalten oder gesteigert, indem der Sportler stark kohlenhydrathaltige Mahlzeiten oder Snacks (1â4 g/kg/day) zu sich nimmt.
- WÀhrend des Wettkampfs: Zur Aufrechterhaltung des Glykogenspiegels und um Unterzuckerung vorzubeugen, wird die Aufnahme geringer Mengen von kohlenhydratreichen Lösungen oder kleinen Snacks (Riegel, Gels, etc. empfohlen).
- Eine verstĂ€rkte Aufnahme von Kohlenhydraten nach dem Training oder Wettkampf ist dann notwendig, wenn die anschlieĂende Regenerationsphase sehr kurz ist.
Angesichts der oben angesprochenen Notwendigkeit einer individuellen Anpassung, sind diese Hinweise notwendigerweise vergleichsweise pauschal und bieten lediglich erste Orientierungshilfen und Anhaltspunkte. Hinsichtlich weiterer Aspekte lassen sich bislang keine generellen Empfehlungen aussprechen. Zwar liegen erste Hinweise vor, dass das Timing der Kohlenhydrataufnahme Auswirkungen auf die StoffwechselaktivitĂ€t bei Sportarten mit kurzen Belastungsspitzen â wie wir sie etwa im Kraftsport finden â haben könnte. Belastbare Ergebnisse bezĂŒglich der tatsĂ€chlichen Bedeutung fĂŒr Leistung und Leistungssteuerung stehen bislang jedoch noch aus.
Going long â wie viele Kohlenhydrate fĂŒr welche Ausdauerleistung?
Verlassen wir den Bereich des Kraftsports und begeben wir uns in die Welt des Ausdauersports, verĂ€ndert sich die Bewertung der Kohlenhydrate deutlich. Was, ĂŒberspitzt formuliert, die Proteine im Kraftsport sind, sind im Ausdauersport die Kohlenhydrate. Sie werden hĂ€ufig als SchlĂŒssel zu Spitzenleistungen und Power ĂŒber lange ZeitrĂ€ume gesehen.
Wie berechtigt ist diese EinschĂ€tzung? Ganz sicher gilt, dass Kohlenhydrate im Ausdauersport eine essentielle Rolle spielen – im Gegensatz zum Kraftaufbau. Das liegt schon allein an der Tatsache, dass die Kohlenhydratspeicher ab einer bestimmten Belastungsdauer geleert sind und somit nicht mehr zur Energiebereitstellung zur VerfĂŒgung stehen.
Ist der jeweilige Zeitraum ĂŒberschritten, muss auf alternative Energiequellen zurĂŒckgegriffen werden, sofern ein Leistungseinbruch vermieden werden soll. Da im Ausdauerbereich zahlreiche Wettkampfformen ĂŒber mehrere Stunden hinweg gehen, sind Vorbereitung und Versorgung wĂ€hrend des Wettkampfs ausschlaggebend, um die LeistungsfĂ€higkeit aufrecht zu erhalten.
Insbesondere Glykogen ist dabei von zentraler Bedeutung. Da die Kohlenhydratdepots in Muskel und Leber limitiert sind, ist auch die Menge der gespeicherten Energie limitiert. Sie stellt somit einen leistungsbegrenzenden Faktor dar. Mit abnehmendem Glykogenspiegel sinkt die FÀhigkeit des Sportlers, bestimmte IntensitÀten aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig finden verstÀrkt Abbauprozesse statt.
Daraus lĂ€sst sich folgende Grundregel lĂ€sst formulieren: âDie Geschwindigkeit der Glycogenentleerung haÌngt von der Dauer und IntensitaÌt der Belastung sowie vom Trainings- und FuÌllungszustand der Glycogenspeicher bei Belastungsbeginn ab. Bei intensiven Ausdauerbelastungen im Bereich der anaeroben Schwelle reicht die gespeicherte Energiemenge bei voll aufgefuÌllten Glycogenspeichern fuÌr eine Belastungsdauer von ca. 75â90 Minuten; suboptimal gefuÌllte Glycogenspeicher sind mit entsprechend geringeren Belastungszeiten assoziiertâ.[5]
Daraus abgeleitet empfiehlt die International Society of Sports Nutrition folgende Mengen bezĂŒglich der Kohlenhydratzufuhr:
- GrundsĂ€tzliche Aufnahme von 5â12 g/kg/day an Kohlenhydraten.
- Weitere Unterteilung nach BelastungsintensitĂ€t und -umfang, d.h. 8â10 g/kg/day) bei Training mit moderaten bis hohen IntensitĂ€ten (â„ 70% VO2max) bei ĂŒber 12h pro Woche.
Sofern keine gravierende MuskelbeeintrĂ€chtigung oder -schĂ€digung vorliegt, maximieren die angegebenen Mengen die Glykogenspeicherung. Inzwischen sieht man davon ab, Empfehlungen auf prozentualer Basis (60-70% Kohlenhydrate der Gesamtkalorienaufnahme) auszusprechen, da mit diesen nicht die gewĂŒnschten Mengen erzielt werden, wenn Sportler sehr hohe oder sehr geringe Mengen an Nahrung zu sich nehmen.[6] Wie auch bei den Kraftsportlern ist darĂŒber hinaus die Unterteilung in einzelne Abschnitte notwendig. Es muss also eine Differenzierung erfolgen zwischen der Versorgung in der Wettkampfvorbereitung, der Vorbelastungsphase am Wettkampftag, im Wettkampf und nach dem Wettkampf. Die jeweils angegebenen Werte beziehen sich insbesondere auf mĂ€nnliche Ausdauersportler. Die Anzahl der Studien, die sich auf weibliche Sportler konzentrieren ist zu gering, um eine belastbare Aussage darĂŒber zu treffen, ob hier angepasste Werte angesetzt werden mĂŒssten.
Ăbersicht: Energiebereitstellung und Kohlenhydratzufuhr


Aus: âKohlenhydrate in der SporternaÌhrungâ, Positionspapier der Arbeitsgruppe SporternaÌhrung der Deutschen Gesellschaft fuÌr ErnaÌhrung e. V. (DGE)
Fazit: Das Wichtigste zu Kohlenhydraten in KĂŒrze
Der vorliegende Artikel zeigt: Genau wie bei den Fetten und Proteinen mĂŒssen bei den Kohlenhydraten der individuelle Bedarf und das individuelle Belastungsprofil berĂŒcksichtigt werden. Zudem sollte immer das Gesamtbild mit allen ErnĂ€hrungskomponenten betrachtet werden. Idealerweise erfolgt auf diesem Weg eine ausreichende Versorgung mit sĂ€mtlichen Makro- und MikronĂ€hrstoffen. FĂŒr die Planung und Gestaltung der individuellen ErnĂ€hrung bedeutet das, dass ein Fokus auf einen einzigen NĂ€hrstoff â egal ob Protein, Kohlenhydrat oder Fette â wenig zielfĂŒhrend ist. Stattdessen ist es die Kombination und Gesamtzusammensetzung aller Nahrungsbestandteile, die den Körper gesund erhĂ€lt und leistungsfĂ€hig macht.
FĂŒr die Untergruppe der Kohlenhydrate lassen sich wie dargestellt keine detaillierten und gleichzeitig allgemeingĂŒltigen Regeln aufstellen. Allerdings existieren einige grundsĂ€tzliche Fakten, die eine gute erste Orientierung und EinschĂ€tzung bieten, worauf es sich bei der Kohlenhydratzufuhr generell zu achten lohnt:
- QualitĂ€t der Kohlenhydrate. Es besteht grundsĂ€tzlich eine Empfehlung fĂŒr komplexe Kohlenhydrate mit hohem Ballaststoffanteil und geringem Verarbeitungsgrad â gleichzeitig sollte hier auf individuelle VertrĂ€glichkeit geachtet werden. WĂ€ren permanente Magenbeschwerden der âPreisâ fĂŒr âguteâ Kohlenhydrate, muss auf andere, leichter bekömmliche Kohlenhydrate zurĂŒckgegriffen werden.
- Vermeintlich âschlechteâ Kohlenhydrate lassen sich durch die Kombination mit anderen Lebensmitteln aufwerten â siehe dazu das Beispiel mit dem WeiĂmehlbrötchen.
- Die Aufnahme der Kohlenhydrate und ihre jeweilige Art sind stark vom Zeitpunkt der Aufnahme sowie dem Zweck, der erzielt werden soll, abhĂ€ngig. Das gilt insbesondere fĂŒr den Wettkampfsport. Vor allem dann, wenn Training oder Wettkampf in den frĂŒhen Morgen- oder spĂ€ten Abendstunden stattfinden, muss hĂ€ufig eine Anpassung im Vergleich zum ânormalenâ Alltag stattfinden. Das beinhaltet unter UmstĂ€nden Mahlzeiten zu ungewöhnlichen Zeiten und mit fĂŒr die jeweilige Tageszeit eher unĂŒblichen Lebensmitteln (wie etwa Nudeln zum FrĂŒhstĂŒck).
- Der Kohlenhydratbedarf eines Sportlers ist stark von der ausgeĂŒbten Sportart und den individuellen BelastungsintensitĂ€ten und UmfĂ€ngen abhĂ€ngig. Zudem spielen VertrĂ€glichkeiten eine bedeutendere Rolle. Hier sind Abweichungen von den âGrundregelnâ mitunter nicht nur sinnvoll, sondern sogar angezeigt!
- Die KohlenhydratvertrĂ€glichkeit lĂ€sst sich âtrainierenâ. Sportler mit einem grundsĂ€tzlich hohen Kohlenhydratbedarf sollten diese Option in Betracht ziehen.
âŠund zu guter Letzt ein Aspekt, der vor allem den beiden Autorinnen besonders am Herzen liegt: Bei aller VertrĂ€glichkeit, QualitĂ€t und FunktionalitĂ€t, sollte das aufgenommen Essen dem oder der Einzelnen grundsĂ€tzlich schmecken und Genuss bereiten! Mit einigem Experimentieren und geschickten Kombinationen lassen sich so fĂŒr jeden Optionen finden, die den gewĂŒnschten Zweck erfĂŒllen und gleichzeitig das ein oder andere kulinarische Highlight bieten!
Noch Fragen oder Interesse an einer Zusammenarbeit/Beratung? Die Autorinnen stehen gerne zur VerfĂŒgung und freuen sich ĂŒber RĂŒckmeldungen und gegenseitigen Austausch!
Kontakt: Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Â Dr. Sabine Nunius | sabine.nunius@sanu-training.com
[1] Kanter M. High-Quality Carbohydrates and Physical Performance: Expert Panel Report. Nutr Today. 2018 Jan;53(1):35-39. doi: 10.1097/NT.0000000000000238. Epub 2017 Oct 21. PMID: 29449746; PMCID: PMC5794245.
[2] Raschka C, Ruf S. Sport und ErnÀhrung. Stuttgart: Thieme, 2017.
[3] S Potgieter BScDietetics, MNutrition (2013) Sport nutrition: A review of the latest guidelines for exercise and sport nutrition from the American College of Sport Nutrition, the International Olympic Committee and the International Society for Sports Nutrition, South African Journal of Clinical Nutrition, 26:1, 6-16, DOI: 10.1080/16070658.2013.11734434
[4] Chad M. Kerksick, Shawn Arent, Brad J. Schoenfeld, Jeffrey R. Stout, Bill Campbell, Colin D. Wilborn, Lem Taylor, Doug Kalman, Abbie E. Smith-Ryan, Richard B. Kreider, Darryn Willoughby, Paul J. Arciero, Trisha A. VanDusseldorp, Michael J. Ormsbee, Robert Wildman, Mike Greenwood, Tim N. Ziegenfuss, Alan A. Aragon & Jose Antonio (2017) International society of sports nutrition position stand: nutrient timing, Journal of the International Society of Sports Nutrition, 14:1, DOI: 10.1186/s12970-017-0189-4
[5] https://www.ernaehrungs-umschau.de/fileadmin/Ernaehrungs-Umschau/pdfs/pdf_2019/11_19/EU11_2019_M660_M667.pdf, abgeruf. 03.01.2023.
[6] Chad M. Kerksick, Shawn Arent, Brad J. Schoenfeld, Jeffrey R. Stout, Bill Campbell, Colin D. Wilborn, Lem Taylor, Doug Kalman, Abbie E. Smith-Ryan, Richard B. Kreider, Darryn Willoughby, Paul J. Arciero, Trisha A. VanDusseldorp, Michael J. Ormsbee, Robert Wildman, Mike Greenwood, Tim N. Ziegenfuss, Alan A. Aragon & Jose Antonio (2017) International society of sports nutrition position stand: nutrient timing, Journal of the International Society of Sports Nutrition, 14:1, DOI: 10.1186/s12970-017-0189-4
