Warum sich der Erfolg manchmal durch weniger statt mehr einstellt
Dr. Sabine Nunius
âSabine, ich weiĂ langsam nicht mehr weiter. Seit Wochen tue ich wirklich alles: Ich stretche, gehe spazieren, mache Faszientraining, praktiziere meine AtemĂŒbungen, visualisiere und meditiere. Inzwischen nehme ich auch noch ein Supplement, aber es stellt sich einfach keine dauerhafte Besserung ein!â
Dieses frustrierte Feedback kam kĂŒrzlich von einer meiner Klientinnen, die in regelmĂ€Ăig wiederkehrenden AbstĂ€nden mit Verspannungen und Schmerzen kĂ€mpft. Diese werden mitunter so stark, dass sie deutlich in ihrer Bewegung eingeschrĂ€nkt ist und dass zusĂ€tzliche PhĂ€nomene wie Schwindel, Ăbelkeit und OhrgerĂ€usche auftreten. An lockere, unbeschwerte Sporteinheiten ist in solchen Phasen nicht zu denken. Das bedeutet gleichzeitig, dass ein zentraler Baustein fĂŒr den Stressabbau wegfĂ€llt, den meine Klientin in solchen Situationen sonst regelmĂ€Ăig nutzt. Das verschĂ€rft die Lage zusĂ€tzlich. Denn auf diese Weise entsteht ein Teufelskreis: Das Stresslevel, das die Hauptursache der Verspannungen darstellt, erhöht sich. Dadurch nehmen die Schmerzen zu und die Perspektive, wieder mit Leichtigkeit Sport treiben zu können, rĂŒckt in noch weitere Ferne. SelbstverstĂ€ndlich hat dies erneute Auswirkungen auf das Stresslevel. Die Verspannungen nehmen einmal mehr zu, der Stress erhöht sich wieder und so weiter und so fort…. Was letztendlich bleibt, sind ein GefĂŒhl der Frustration und der Eindruck, wirklich alles getan zu haben und dennoch den UmstĂ€nden hilflos ausgeliefert zu sein.
Dieses GefĂŒhl kann sich in unterschiedlichen Situationen einstellen. Eine andere Klientin litt etwa an einer ISG-Blockade, die mit erheblichen Schmerzen einherging. Hinzu kamen zahlreiche kleinere physische Beschwerden. Jeweils fĂŒr sich genommen war jede dieser Beschwerden vergleichsweise harmlos, in Summe stellten sie allerdings eine erhebliche Belastung dar. Dies rief letztendlich folgenden Eindruck hervor: âIch könnte mich nur noch um meinen Körper kĂŒmmern. Egal wo ich hinschaue, gibt es Baustellen. Wenn ich alle Ăbungen mache, die mir empfohlen wurden, dann habe ich ein Programm, das mehrere Stunden in Anspruch nimmt und noch nicht einmal SpaĂ macht. VerlĂ€ssliche Hilfe bringt es ebenfalls nicht â kann das wirklich die Lösung sein?â
Diese beiden sinngemÀà wiedergegebenen Zitate spiegeln ein Dilemma wider, das Sportler wie Nichtsportler kennen. In manchen Phasen lĂ€uft es entweder nicht oder vollkommen anders, als wir uns das selbst gerade wĂŒnschen oder vorstellen. Mitunter reicht es in solchen Momenten aus, den Trainingsplan umzustellen oder einige neue Gewohnheiten zu etablieren. In anderen FĂ€llen ist es damit jedoch nicht getan. Selbst wenn wir alles unternehmen, was in unserer Macht steht und sĂ€mtliche Tipps und Empfehlungen befolgen: Die erhoffte Wirkung bleibt aus.
Der ein oder andere aktive Sportler kennt dieses PhĂ€nomen aus der Vorbereitung auf wichtige WettkĂ€mpfe. Gerade dann, wenn es etwa um einen Aufstieg oder eine Titelverteidigung geht, also ein Ziel, das man unbedingt erreichen möchte, kann es geschehen, dass die Leichtigkeit komplett verloren geht. Zwei oder drei schlechte Trainingseinheiten lassen sich problemlos wegstecken, lĂ€uft es jedoch ĂŒber mehrere Tage oder sogar Wochen nicht rund, steigt der Druck. Je verbissener man dann beginnt, auf das gesetzte Ziel hinzuarbeiten, desto schlechter funktionieren die Dinge im Training oder dem Wettkampf selbst. Diese Problematik betrifft Sportler auf allen Ebenen, angefangen vom Amateur- bis hinein in den Leistungssportbereich. Gerade die Welt des Spitzensports bietet zahlreiche Beispiele von WettkĂ€mpfen, bei denen der Topfavorit plötzlich abstĂŒrzt oder deutlich unter seinen Möglichkeiten bleibt. Kommentiert werden solche Ereignisse gerne mit Worten wie âder hat zu viel gewolltâ oder âda hat einfach die Lockerheit gefehltâ.
Die geschilderten Szenarien erscheinen nur auf den ersten Blick vollkommen verschieden und somit nicht vergleichbar. Denn in jeder der genannten Situationen geht es letztlich um Fitness und körperliche Leistung bzw. Faktoren, die diese begrenzen oder behindern. Die Ausgangssituationen und Leistungslevels unterscheiden sich dabei in der Tat stark, das Ergebnis ist allerdings mehr oder weniger das selbe: Die Lage ist fĂŒr die Betroffenen höchst belastend und verursacht (mentalen) Stress, der sich wiederum negativ auf die physische Symptomatik auswirkt. Den beiden Fallkonstellationen ist zudem gemein, dass die körperliche Problematik meist den Auslöser darstellt, die mentale Ebene jedoch rasch dazu kommt. Ăber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume vermischen sich beide Ebenen immer mehr, so dass irgendwann nicht mehr zu sagen ist, welcher Faktor letztendlich der primĂ€r verursachende oder zusĂ€tzlich verstĂ€rkende ist. Dementsprechend braucht es in solchen FĂ€llen AnsĂ€tze, die beide Dimensionen in den Blick nehmen und Hilfestellungen geben, auf allen Ebenen wieder in die Spur zu kommen.
Die Frage, die sich hier fĂŒr Betroffene wie Betreuende stellt, ist, wie solche LösungsansĂ€tze aussehen können. Mit anderen Worten: Was lĂ€sst sich konkret tun, wenn man feststellt, dass die Lockerheit abhandengekommen ist, die UmstĂ€nde gleichzeitig aber einfach so sind, dass der Druck âzu funktionierenâ besteht oder fortwĂ€hrend steigt? Die eine Patentlösung oder den absoluten Königswert gibt es nicht. Zudem wird der Fortschritt bei den meisten LösungsansĂ€tzen nicht linear verlaufen, sondern sich als Prozess mit diversen Höhen und Tiefen sowie dem ein oder anderen RĂŒckschlag gestalten. Mitunter braucht es hier zusĂ€tzliche UnterstĂŒtzung und Beratung von auĂen. Nichtsdestotrotz gibt es grundsĂ€tzliche Impulse und Gedanken, die hilfreich dabei sind, den eigenen Weg neu zu gestalten und zurĂŒck zu Leichtigkeit, Leistung und Freude an der Bewegung zu finden. Ein erster Schritt dabei sind hĂ€ufig ein Perspektivwechsel und ein Umdenken bezĂŒglich des Trainings- bzw. Rehabilitationsplans.
Reduktion und Konzentration statt GieĂkannenprinzip und MaĂnahmenmaximierung
Die eingangs zitierten Beispiele zeigen: ein reines âMehrtunâ ist meist sinnlos. Der Versuch, bei der Suche nach Lösungen lediglich immer weitere MaĂnahmen hinzuzufĂŒgen, ist ebenso zum Scheitern verurteilt wie der Ansatz, die Anweisungen noch richtiger, besser oder gewissenhafter zu befolgen. Sicherlich ist es mitunter möglich, zusĂ€tzliche Ăbungen in die Trainingsroutine einzubauen, sich noch genauer an die Vorgaben zu halten oder eine weitere Methode hinzuzunehmen. Insbesondere dann, wenn bereits schon sehr viel getan und versucht wird, hat dieses Vorgehen jedoch meist einen eher geringen Nutzen oder erweist sich sogar als kontraproduktiv. Dies gilt nicht zuletzt deshalb, weil die bestĂ€ndige Ausweitung und Intensivierung automatisch damit einhergehen, dass das Problem immer stĂ€rker in den Fokus rĂŒckt. So werden auch die Symptome stĂ€rker wahrgenommen und im Alltag prĂ€senter.
Besonders gut verdeutlichen lĂ€sst sich dieser Effekt am Thema Schmerzen. Ab einer gewissen IntensitĂ€t stellen Schmerzen eine ernsthafte Belastung dar, die sich nicht ohne weiteres ausblenden lĂ€sst. Der Schmerz ist folglich ohnehin stĂ€ndig in unserem Bewusstsein oder wir werden regelmĂ€Ăig â etwa durch eine den Schmerz auslösende Bewegung â daran erinnert. Richten wir in solchen Momenten zusĂ€tzlich den Fokus nahezu ausschlieĂlich auf die Behandlung dieses Problems, entwickeln sich die schmerzende Schulter oder das kaputte Knie schnell zum dominierenden, alles ĂŒberlagernden Thema. Diese Tendenz setzt insbesondere dann ein, wenn ab einem bestimmten Punkt quasi sĂ€mtliche sportliche BetĂ€tigung oder Bewegung nur noch unter dem Zeichen der Rehabilitation steht. Training und Sport werden dann unbewusst immer stĂ€rker mit dem Thema Schmerz verbunden und sind zunehmend negativ konnotiert. Die logische Folge: Die Freude an der ohnehin eingeschrĂ€nkten Bewegung geht verloren und es stellen sich Frust, Ărger und Unausgeglichenheit ein.
Gleiches lĂ€sst sich beobachten, wenn es beim Training oder der Wettkampfvorbereitung so gar nicht lĂ€uft. Wer nur noch alles daran setzt, seine Leistung auf ein bestimmtes Ziel hin zu verbessern oder seine Technik zu optimieren, wird irgendwann verkrampfen. Dass dies der Leistung abtrĂ€glich ist, liegt auf der Hand. Hinzu kommt, dass die dauernde Auseinandersetzung mit den (vermeintlichen) Defiziten zu Stress fĂŒhrt. Ab einem gewissen Punkt wird der Körper auf diese Stressbelastung reagieren, etwa mit Verspannungen, Schmerzen, Schlafproblemen oder einem geschwĂ€chten Immunsystem. SĂ€mtliche weiteren Stressfaktoren wirken sich daher notwendigerweise kontraproduktiv aus. Dieses PhĂ€nomen zeigt, aus welchem Grund mentalem Coaching nicht nur im Spitzensport mittlerweile eine zunehmende Bedeutung zukommt.
An dieser Stelle lĂ€sst sich ein klares Fazit ziehen: Wenn ein durchdachtes und strukturiertes Programm keine Wirkung zeigt, ist eine reine Ausweitung, Intensivierung oder ErgĂ€nzung um weitere MaĂnahmen sinnlos. Weitaus zielfĂŒhrender ist es dagegen, die bestehenden Inhalte kritisch zu hinterfragen und ggf. neu zu strukturieren oder anders auszurichten.
Hilfreich bei der Analyse des Status Quo können folgende Punkte sein:
- Sind die aktuellen UmfÀnge gerechtfertigt oder ist das bestehende Programm bereits zu umfangreich? Resultiert der Misserfolg vielleicht daraus, dass schon zu viel versucht wird? Hier sollte dringend auf Reduktion statt Erweiterung gesetzt werden!
- Haben sich die Rahmenbedingungen geĂ€ndert? Dabei mĂŒssen unbedingt die allgemeinen Lebensbedingungen einbezogen werden. In diesem Zusammenhang ist beispielsweise zu berĂŒcksichtigen, ob es einschneidende VerĂ€nderungen wie einen Jobwechsel oder eine VerĂ€nderung in der familiĂ€ren Situation gab. Allein die zeitlichen Auswirkungen einer solchen VerĂ€nderung können einen erheblichen Einfluss haben.
- Zielen die aktuell durchgefĂŒhrten MaĂnahmen auf das ursĂ€chliche Problem? Resultieren die Schmerzen beispielsweise in erster Linie aus stressbedingten Folgeerscheinungen, ist eine Behandlung des betreffenden Körperteils allein sinnlos. Der Erfolg wird sich erst dann einstellen, wenn neben den rein körperlichen Beschwerden auch die mentalen Probleme angegangen werden. Gleiches gilt in der Wettkampfvorbereitung. Die wenigsten Athleten verlernen ĂŒber Jahre eingeĂŒbte BewegungsablĂ€ufe ĂŒber Nacht. Stimmen plötzlich Timing und Umsetzung nicht mehr, spielen hĂ€ufig mentale Aspekte eine groĂe Rolle.
- Hat die aktuelle Problemlage multikausale Ursachen? Wenn ja, dann muss bei der Problembehandlung ebenso ein multimodaler Ansatz gewĂ€hlt werden. Das bedeutet, es bedarf zwangslĂ€ufig eines MaĂnahmenmixes, der die unterschiedlichen Dimensionen der Problemlage adressiert. Konkret bedeutet das beispielsweise, die körperliche und die mentale Dimension parallel anzugehen und die zugrundeliegenden Einzelursachen zu behandeln.
- Existiert ein ĂŒbergeordneter Plan und wurden die jeweiligen EinzelmaĂnahmen aufeinander abgestimmt? Dieser Punkt ist besonders dann wichtig, wenn es mehrere âBaustellenâ gibt, die an unterschiedlichen Stellen betreut bzw. behandelt werden. Ist dies der Fall und sind ggf. sogar mehrere Disziplinen vertreten, geschieht es leicht, dass beispielsweise der OrthopĂ€de die erste Empfehlung ausspricht, der Hausarzt die zweite, der Physiotherapeut die dritte, der Osteopath die vierte und so weiter. FĂŒr sich genommen ist jeder Hinweis gerechtfertigt und sinnvoll. Versucht der Betroffene jedoch, alle Empfehlungen umzusetzen, stellen sich schnell Ăberforderung und Ăberlastung ein. Dann entsteht genau der eingangs beschriebene Effekt: Das letztendlich resultierende Programm wĂŒrde Stunden in Anspruch nehmen und ist im Alltag schlichtweg nicht durchfĂŒhrbar.
- Hatten die EinzelmaĂnahmen ausreichend Zeit, um ihre Wirkung zu entfalten? Insbesondere dann, wenn es um mentale Strategien geht, bedarf es hĂ€ufig einiger Zeit des Ausprobierens und EinĂŒbens, bis der Effekt spĂŒrbar wird. In der Literatur finden sich Werte zwischen 21 Tagen fĂŒr die Etablierung neuer Gewohnheiten und 3 Monaten fĂŒr neue Strategien. Eine Studie im European Journal of Social Psychology spricht bei der Automatisierung von neuen Gewohnheiten von ZeitrĂ€umen zwischen 18 und 254 Tagen mit einem Mittelwert von 66 Tagen.[1] Allein diese Zahlen zeigen, wie groĂ die Spannbreite sein kann! Bleibt der Erfolg einer Strategie aus, sollte deshalb ĂŒberprĂŒft werden, ob der Sportler bereits ausreichend Erfahrungen damit sammeln konnte oder ob zunĂ€chst noch an dem eingeschlagenen Weg festgehalten werden sollte, um seine Wirksamkeit beurteilen zu können.
Dieses analytische Vorgehen hat mehrere Vorteile. Einerseits wird verhindert, weitere Zeit mit einem Plan zu verlieren, der fĂŒr die Situation nicht oder nicht mehr angemessen ist. Ein klarer Blick auf den Status Quo hilft andererseits den Betroffenen selbst. Wenn der Stresspegel bereits hoch ist, stellen sich leicht Hektik und ein GefĂŒhl des Getrieben-Seins ein. Letzteres artetet mitunter in blinden Aktionismus aus. Doch derartige âHauruck-Aktionenâ kosten vor allem eins: Energie und Nerven. Beide sind in Drucksituationen rar. Die Devise lautet daher, zunĂ€chst den Druck zu reduzieren. Ein durchdachtes und strukturiertes Vorgehen trĂ€gt dazu bei, den Sportler selbst ins Boot zu holen und einen gemeinsamen Plan zu erarbeiten, anstatt blindlings unterschiedliche Dinge auszuprobieren und dabei letztendlich nur nach âtrial and errorâ vorzugehen.
Struktur und Fokussierung: Wie es gelingt, die eigene Vorgehensweise zu finden
Wie kann es also weiter gehen, wenn sich nach der Analyse des Status Quo die Erkenntnis einstellt, dass grundsĂ€tzlich ein âWenigerâ angeraten ist? Geht es darum, das bestehende Pensum zu reduzieren, ist die Lösung nur scheinbar simpel. Denn eine reine Umkehr ins Gegenteil â also komplettes Nichtstun â ist genauso sinnlos wie ein permanentes ĂbermaĂ. Ganz ohne Training wird kein Sportler gute Leistungen erbringen. Ebenso verschwinden die wenigsten Schmerzen, die ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume bestehen, von selbst durch reines Ignorieren oder Nichtstun. Dies gilt insbesondere dann, wenn zusĂ€tzliche Faktoren wie Stress oder psychische Belastung eine Rolle spielen.
Unter solchen UmstĂ€nden bedarf es somit einer Konzentration auf das Wesentliche. Dabei stellen sich die Fragen: Wie bei der Auswahl vorgehen? Und wie viel ist âzu wenigâ, âzu vielâ oder âgerade richtigâ? Die Antwort darauf muss stets individuell ausfallen. Dennoch gibt es einige allgemeine Orientierungspunkte, die dabei helfen, den Fokus auf das Wesentliche zu richten und zu erkennen, was der eigenen Balance, Gesundheit und LeistungsfĂ€higkeit aktuell am zutrĂ€glichsten ist. Die nachfolgenden Ăberlegungen können als Grundlage dafĂŒr dienen, eine persönliche Priorisierung zu erstellen.
- Rangfolge der dringlichsten Probleme. Welche Belastung ist gerade am gröĂten und zeitkritischsten? Welche Themen mĂŒssen zwar mittelfristig ebenfalls angegangen werden, können fĂŒr den Moment aber in den Hintergrund rĂŒcken? Herrscht hier Klarheit, kann sinnvoll entschieden werden, welche MaĂnahmen im Plan bleiben und welche Punkte fĂŒr den Moment zurĂŒckgestellt werden sollen. Das kann beispielsweise bedeuten, die Arbeit an einem sehr spezifischen technischen Aspekt zu verschieben und stattdessen dafĂŒr zu sorgen, dass der Sportler oder die Sportlerin ĂŒberhaupt in den Bewegungsfluss zurĂŒckfindet. Bei der Wiederherstellung der generellen Fitness und der BekĂ€mpfung von Schmerzen könnte man dagegen etwa darauf setzen, zunĂ€chst die HĂŒfte zu mobilisieren und muskulĂ€re Dysbalancen auszugleichen, den Wiederaufbau des FuĂgewölbes mit Hilfe der entsprechenden Ăbungen dagegen auf einen spĂ€teren Zeitpunkt zu verschieben.
- Frage nach medizinischer Notwendigkeit. An dieser Stelle empfiehlt sich die Zusammenarbeit mit einem Arzt oder Therapeuten. Bestehen Beschwerden, die einer schnellen Behandlung bedĂŒrfen? Diese sollten aus offensichtlichen GrĂŒnden in jedem Fall Vorrang haben. Liegen beispielsweise eine akute Verletzung oder SchĂ€digung einer Struktur vor, mĂŒssen diese rasch angegangen werden. Die Behandlung anderer Problematiken ist unter UmstĂ€nden weniger dringlich. So kann beispielsweise bestehendes Narbengewebe, etwa in Folge einer lĂ€nger zurĂŒckliegenden Operation, durchaus einen Einfluss auf das Fasziengewebe haben, so dass eine Behandlung grundsĂ€tzlich sinnvoll ist. Der potenziell entstehende Schaden, der daraus resultiert, wenn diese verschoben wird, ist jedoch weitaus geringer als beispielsweise die zu spĂ€te Versorgung eines Bruchs, BĂ€nderrisses oder Bandscheibenvorfalls. Hier helfen eine kompetente EinschĂ€tzung und anschlieĂende Anpassung des Therapie- und Rehabilitationsplans.
- KlĂ€rung der eigenen Ziele und BedĂŒrfnisse. Dieser Aspekt scheint selbstverstĂ€ndlich, ist aber insofern von Bedeutung, da an einem bestimmten Punkt ĂŒberprĂŒft werden muss, wie realistisch die eigenen Zielsetzungen in der gegebenen Situation sind. Die Auseinandersetzung mit diesem Aspekt kann eine der gröĂten Herausforderungen darstellen. Das gilt insbesondere dann, wenn dieser Schritt bedeutet, sich einzugestehen, dass das angestrebte Ziel nicht realisierbar ist. Im Hinblick auf die zitierten Beispiele könnte das etwa heiĂen, dass sich vollstĂ€ndige Schmerz- und Beschwerdefreiheit unter den gegebenen UmstĂ€nden nicht erreichen lĂ€sst oder die sportlichen Ambitionen deutlich heruntergeschraubt werden mĂŒssen. Gegebenenfalls können hier sogar eine vorgezogene Saisonpause oder eine Neugestaltung des Wettkampfplans die sinnvollste Alternative darstellen.
Die Basis neu aufbauen â was grundsĂ€tzlich hilft
Die vorhergehenden Beispiele haben gezeigt: Die Ziele und Ausgangssituationen mögen ganz unterschiedlich sein, das Ergebnis bleibt jedoch stets das gleiche. Wenn es ânicht lĂ€uftâ und wir die Situation kurzfristig nicht zum Positiven wenden können, stellen sich Stress, Druck, Frust und Anspannung ein. Das ist bestens nachvollziehbar. Nehmen diese GefĂŒhle jedoch ĂŒberhand, tragen sie maĂgeblich dazu bei, den bereits unschönen und lĂ€stigen Zustand weiter zu verschĂ€rfen sowie bestehende Problematiken zu verschlimmern. Was dann hilft, sind eine gewisse Distanz und die Konzentration darauf, eine möglichst stabile Basis zu erhalten oder neu aufzubauen. Dies ist leichter gesagt als getan. Insbesondere ambitionierten Menschen fĂ€llt das âGeschehenlassenâ oder âWeniger-Tunâ oft schwerer, als selbst in Aktion zu treten und die Dinge voranzutreiben. Abzuwarten, wie sich etwas entwickelt, ruft dagegen ein GefĂŒhl der Ohnmacht oder des Kontrollverlusts hervor. Erschwerend kommt hinzu, dass quĂ€lende Gedanken und Sorgen die Tendenz haben, vor allem in ruhigeren Momenten besonders laut zu werden. Fehlt die Ablenkung durch (körperliche) AktivitĂ€t, geraten viele Betroffene in negative Gedankenspiralen oder beginnen zu grĂŒbeln. Bis zu einem gewissen Grad ist dies absolut normal und wĂŒrde bei belastenden Situationen jedem so gehen. Ab einer bestimmten IntensitĂ€t behindert das bestĂ€ndige GrĂŒbeln jedoch die Lösungsfindung und damit den Weg aus der Situation heraus. Zudem verursacht es permanenten mentalen Stress. UnabhĂ€ngig von der individuellen Ausgangslage ist es daher so gut wie immer angeraten, Stress- bzw. Spannungsabbau als Punkt auf die eigene Handlungsagenda zu nehmen.
Die nachfolgenden Inspirationen möchten erste Impulse geben, was in dieser Hinsicht hilfreich sein kann und mit welchen MaĂnahmen sich oft schon schnell eine erste Wirkung erzielen lĂ€sst. Kleine Teilerfolge steigern die Motivation, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen und helfen so dabei, das gröĂte Tief zu ĂŒberwinden und die Negativspirale zu durchbrechen. Was genau das jeweils Passende ist, muss individuell entschieden werden, ausschlaggebend sind hier die Vorlieben der Betroffenen! Denn die vorgeschlagenen MaĂnahmen sollen einen Ausgleich bieten sowie die Gelegenheit, die mentalen Reserven wieder aufzufĂŒllen. Werden sie von vornherein als weiterer lĂ€stiger Punkt auf einer bereits ĂŒberlangen To Do Liste empfunden, wird sich dieser Effekt kaum einstellen. Hier gilt deshalb ganz klar: Möglich ist, was gefĂ€llt und hilft, egal wie kreativ, ungewöhnlich oder scheinbar auch banal die dabei entstehenden Lösungen sind!
- Alternative Formen der Bewegung finden â die Freude am Sport erhalten. In allen genannten Beispielen ist eine Situation eingetreten, in der die bisherige Art des Trainings oder der Bewegung nicht mehr in der gewohnten Weise möglich war. Der konkrete Grund ist dabei zunĂ€chst irrelevant. Das Ergebnis ist in jedem Fall, dass das Gewohnte und GewĂŒnschte fĂŒr den Moment nicht reibungslos funktioniert und es keine klare Perspektive gibt, wann bzw. ob das Angestrebte wieder möglich sein wird. FĂŒr die Betroffenen bedeutet das eine doppelte Belastung. Einerseits leiden sie unter Schmerzen oder stehen unter zunehmenden Druck, etwa dann, wenn beispielsweise eine Kadermitgliedschaft oder Sponsorengelder an einem Wettkampf hĂ€ngen. Andererseits fehlt eine AktivitĂ€t, die sie grundsĂ€tzlich gerne ausĂŒben und die ihnen Freude bereitet. In Hinblick auf letzteren Aspekt ist es wichtig, Alternativen zu suchen. Dabei kann es hilfreich sein, temporĂ€r auf eine komplett neue AktivitĂ€t auszuweichen. Dieses Vorgehen bietet den Vorteil, dass der permanente Vergleich mit dem frĂŒheren Leistungslevel wegfĂ€llt. Praktisch umgesetzt könnte das beispielsweise heiĂen, dass ein Sportler eine Zeit lang ĂŒberhaupt nicht versucht, ob das Joggen mit dem FuĂ/Knie/Gelenk vielleicht doch schon wieder funktioniert. Alternativen könnten in diesem Fall Schwimmen oder Aquajogging sein. Ein Athlet in der Wettkampfvorbereitung stellt unter UmstĂ€nden kurzzeitig das Intervalltraining oder die Sprints zurĂŒck und setzt dafĂŒr auf ein Ebenso möglich ist es, punktuell auf andere Disziplinen auszuweichen und fĂŒr das KörpergefĂŒhl beispielsweise eine lockere Runde FuĂball oder Basketball, einen Ausflug in die Welt des Modern Dance, Koordinationsspiele, etc. einzubauen.
- Entspannung individuell definieren und umsetzen. Sport und Bewegung bedeuten fĂŒr viele nicht nur körperliche AktivitĂ€t, sondern auch Entspannung und die Möglichkeit, loszulassen und den Kopf frei zu bekommen. FĂ€llt die gewohnte Form der Bewegung weg, fehlen automatisch diese Gelegenheiten fĂŒr Entspannung und Stressabbau. Wie oft kommt es vor, dass lĂ€ngerfristig Verletzte nach einer Zeit der âLagerkollerâ einholt und sich eine gereizte Grundstimmung einstellt. Den Betroffenen in diesem Moment zu raten, sie sollten sich doch einfach entspannen, ist ein vergleichsweise sicherer Weg, direkt einen Streit vom Zaun zu brechen. Wenn das so einfach wĂ€re, hĂ€tten diejenigen ja genau das schon lange getan! Ebenso ist âRuheâ meist etwas, das nun plötzlich im ĂbermaĂ vorhanden ist. Wer plötzlich notgedrungen die meiste Zeit des Tages inaktiv verbringt und gerade nichts lieber tun wĂŒrde, als sich wieder normal zu bewegen, kann einem âentspannten Abend mit Netflix auf der Couchâ nur wenig abgewinnen. Ebenso geringen Anklang finden dann hĂ€ufig vorgeschlagene Alternativen wie Sauna, Therme, Lesen, etc. Diese können zwar angenehm sein und eine gewisse Abwechslung bieten, was den Betroffenen jedoch meist wirklich fehlt, sind die AktivitĂ€t, die Dynamik und ein gewisser Adrenalinkick. Diese Situation kann eine erhebliche Herausforderung darstellen und sich maĂgeblich auf die Stimmung auswirken! Wenn Bewegung grundsĂ€tzlich möglich ist â sprich keine schwerwiegende Verletzung oder andere erhebliche körperliche BeeintrĂ€chtigung vorliegt â kann ein physisches Ausagieren durchaus helfen. FĂŒr diejenigen, die gerade mit ihrer eigenen Sportart hadern, bieten sich als Alternativen intensive Formen der Bewegung wie HIIT, Sprintintervalle oder ein forderndes Krafttraining an. Je nach Ausgangssituation â etwa bei einer bestehenden Verletzung oder Erkrankung â ist dieses körperliche Ausagieren jedoch nur in geringem Umfang möglich. In solchen FĂ€llen können Alternativen wie Musik mit lauten, treibenden Beats oder ein actiongeladenes Computerspiel eine Option darstellen. GrundsĂ€tzlich ist es wichtig, den Betroffenen auch Alternativen anzubieten, die sich deutlich von den klassischen Entspannungsformen unterscheiden und so ein Repertoire aufzubauen, das alle Varianten, von ruhig bis hin zu dynamisch, beinhaltet.
- Ruhe neu erfahren. Ein Punkt, der indirekt bereits angeklungen ist: der Umgang mit Ruhe. Ruhige Momente und Stille können extrem wohltuend sein. Leider sind sie das vor allem dann, wenn wir grundsĂ€tzlich in uns ruhen und diese Zeiten somit wirklich genieĂen können. Wer jedoch von Sorgen, Schmerzen, NervositĂ€t oder Anspannung geplagt wird, kann sich zwar Ă€uĂerlich in die Ruhe zwingen, wird diese im Inneren jedoch nicht empfinden â ganz im Gegenteil! Meist setzt in solchen Situationen das Kopfkino erst richtig ein, das Gedankenkarussell beginnt sich zu drehen und die innere Unruhe steigt immer mehr. Ist schon seit einiger Zeit eine gewisse Grundanspannung vorhanden, lĂ€sst sich dieser Zustand nicht von heute auf morgen verĂ€ndern. Hier ist es notwendig, fĂŒr sanfte ĂbergĂ€nge zu sorgen und das eigene System schrittweise herunterzubremsen. Dies kann ĂŒber AktivitĂ€ten erfolgen, die keine physische Belastung darstellen, die aber dennoch eine gewisse BeschĂ€ftigung und Ablenkung bieten. Die Möglichkeiten sind vielfĂ€ltig: Wanderungen, Gartenarbeit, handwerkliche Arbeiten, kĂŒnstlerisches Gestalten, musizieren, kulturelle AktivitĂ€ten oder AusflĂŒge ans Wasser mit Schwimmen, Angeln oder Rudern â mit etwas KreativitĂ€t finden sich oft BeschĂ€ftigungen, die in Vergessenheit geraten waren und die fĂŒr eine echte Abwechslung sorgen und SpaĂ machen. So entstehen Momente der Entspannung, die in Belastungsphasen dringend notwendig sind.
- Balance herstellen. Ein weiterer Aspekt, der unmittelbar einleuchtet, in der DurchfĂŒhrung aber mit der ein oder anderen HĂŒrde verbunden ist: die generelle Verringerung des Stresslevels. Wie an verschiedenen Stellen deutlich geworden ist, gehen die beschriebenen Problematiken alle mit einem erhöhten MaĂ an Stress einher, das sich nicht nur negativ auf die Situation selbst, sondern auch auf das Allgemeinbefinden auswirkt. Sind die Betroffenen in einer Negativspirale gefangen, ist der Weg hinaus zweifelsohne möglich. Allerdings braucht es dafĂŒr Zeit und die ein oder andere Anstrengung. Alles, was in diesen Phasen das eigene Energielevel aufrecht erhĂ€lt oder neu auffĂŒllt, ist somit mehr als förderlich! Zudem hilft ein verringertes Stresslevel, die Dinge objektiver und neutraler zu sehen â so kann eine Konzentration auf sinnvolle Lösungen und Strategien erfolgen und die Grundstimmung verĂ€ndert sich wieder hin zum Positiven.
Was bringen diese ergĂ€nzenden AnsĂ€tze? Zweifellos werden die vorgeschlagenen MaĂnahmen nicht allein zur Lösung des Problems fĂŒhren. Sie können jedoch einen wertvollen Beitrag dazu leisten, die Situation fĂŒr die Betroffenen angenehmer zu machen und so den ein oder anderen Schritt zu beschleunigen oder zu erleichtern. Zudem unterstĂŒtzen sie dabei, selbst lĂ€ngere Durststrecken zu ĂŒberstehen und die eigene Motivation stĂ€rken, das Ziel trotz der widrigen UmstĂ€nde weiter zu verfolgen. Und manchmal stellt sich dann der ein oder andere Erfolg schneller wieder ein als ursprĂŒnglich gedacht!
Weitere Fragen oder Interesse an einem Austausch? Die Autorin freut sich ĂŒber Nachrichten an sabine.nunius@sanu-training.com!
[1] Lally, P., van Jaarsveld, C.H.M., Potts, H.W.W. and Wardle, J. (2010), How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. Eur. J. Soc. Psychol., 40: 998-1009. https://doi.org/10.1002/ejsp.674
